Vol. 1: Terrorism

Terrorismus und Soziale Netzwerke

„Wir brauchen eine digitale Antwort auf globaler Ebene.”

Kyle Matthews, Concordia University

42: Herr Matthews, warum ist die Dschihad-Propaganda in den Sozialen Netzwerken so erfolgreich?

Kyle Matthews: Die Staaten besitzen kein Gewaltmonopol mehr und auch die Medien haben ihr Informationsmonopol verloren. Extremistische Botschaften wie die des Islamischen Staates können einfach über das Internet propagiert werden: „Wir erfüllen die Prophezeiung – Wir gründen ein Kalifat.“ Diese Botschaft unterscheidet den IS von anderen islamistischen Gruppen. Im Irak und in Syrien arbeiten sie an der konkreten Umsetzung dieses Ziels. Und sind dabei auch kreativ. Zum Beispiel hijacken sie Hashtags, wie es bei der Fußballweltmeisterschaft 2014 oder beim Deutsche Welle Global Media Forum 2015 der Fall war. Mit beliebten Hashtags verbreiten sie also ihre Ideologie. Dann machen sie gute Parodien und schaffen sich so Follower mit Humor. Auf diese Weise entstehen weltweit unglaublich viele Unterstützer, die die Ideologie verbreiten. So haben sie eine starke Verbindung zur Jugendkultur. Das macht den IS wahnsinnig stark.

42: Die Kämpfer des IS sehen sich vor allem als Gotteskrieger. Wie stellen sie sich in den Sozialen Netzwerken dar?

KM: Sie stellen sich als Freiheitskämpfer à la Che Guevara dar, ganz in schwarz mit schweren Waffen – das ist pure Machtdemonstration. Es wird kommuniziert, dass nur sie sich für die muslimische Welt einsetzen. In Videos beweisen sie ihre Brutalität und Effektivität als ultimative Kampfkraft auf dem Schlachtfeld. Dazu gibt es musikalische Untermalung, während der Wind durch die Wüstenlandschaft im Hintergrund fegt. Da ist es leicht zu denken: „Wow, das ist cool!“. Für die weiblichen Rekruten propagieren sie auf der anderen Seite die Rolle des romantisch verklärten Kriegers, der für etwas Größeres kämpft. Da zeigen sie sich von einer sanfteren Seite, auch mal mit Kätzchen und frei nach dem Motto: „Wir sind zwar Krieger, aber wir haben ein gutes Herz.“ Außerdem gibt es viele Fotos mit Kindersoldaten, die zeigen sollen, dass die ganze Familie verpflichtet ist, mitzukämpfen. Überall herrscht die Botschaft des IS: „Alle sind gegen uns. Es ist eine religiöse Pflicht, uns als guter Muslim zu unterstützen.“ 

42: Kritiker sagen, soziale Netzwerke sind zu passiv, wenn es darum geht, die dschihadistische Propaganda zu stoppen. Stimmt das?

KM: Ja, ich denke schon. Sie stehen natürlich zwischen den Stühlen. Soziale Medien berufen sich auf die Meinungsfreiheit und darauf, dass sie nur Dienstleister sind. Je mehr Nutzer sie haben, desto wertvoller wird die Werbefläche, die sie anbieten. Deswegen ist es so leicht, einen Account zu eröffnen. Trotzdem können wir nicht zulassen, dass diese Seiten für Propaganda missbraucht werden. Twitter zum Beispiel schließt auch immer mehr Konten. CEO Jack Dorsey erhält deswegen bereits Morddrohungen. Das beweist, dass diese Maßnahme die richtige Entscheidung ist. Das Problem ist: Schließt man Konten auf der einen Plattform, tauchen sie an anderer Stelle wieder auf. Die Regierungen Frankreichs und der USA, aber auch die Europäische Union üben viel Druck auf diese Firmen aus – mit einer klaren Botschaft: Sie sollen aktiver werden! Lassen Sie uns nicht vergessen, dass das Ziel bei Anschlägen Zivilisten sind. Unsere Regierungen sind dafür verantwortlich, uns vor diesen Menschen zu beschützen – also müssen sie im Umgang mit diesen Firmen härter durchgreifen. Außerdem brauchen wir mehr digitale Kriminalistik. Das Internet muss für Terroristen feindliches Terrain werden.

42: Was für ein Problem haben Sicherheitsbehörden im Umgang mit digitaler Dschihad-Propaganda?

KM: Fast jeder Nachrichtendienst verfolgt Dschihadisten und ihre Cheerleader im Internet. Das ist ein guter Anfang. Aber mit jedem Anschlag verlieren mehr Bürger das Vertrauen in den Multikulturalismus. Es ist eben nicht nur ein Sicherheitsproblem. Wir müssen uns fragen, was das langfristige Ziel ist: Welche Rolle wollen westliche Demokratien im Kontext der Terrorbekämpfung spielen? Wir müssen also auch auf dem ideologischen Level kämpfen. Anhänger des IS bewegt eine Idee. Sie behaupten, das rechte Leben und die wahre Religion zu repräsentieren. Dafür bekämpfen IS-Kämpfer andere Muslime, die „falschen“ Muslime, ebenso wie den Westen. Alternativen gibt es nicht. Das müssen wir anfechten. Wenn wir das kontern, lösen wir ein zentrales Problem: Was gibt jemandem überhaupt das Recht zu sagen, er oder sie repräsentiere die richtige Form des Glaubens?

42: Das US Department of State stellt die Ideologie und Behauptungen von Extremisten bewusst auf eigenen Social Media Konten infrage. Ist das kein Kampf auf ideologischem Level?

KM: Die USA haben ein interessantes Programm, Think Again Turn Away. Aber es kommt eben von der US-Regierung. Die hat eine Verbindung zu den Problemen im Nahen Osten. Regierungen müssen weiterhin eine Rolle spielen und das auch im Internet und in den Sozialen Netzwerken. Sie sollten die extremistische Ideologie offen infrage stellen, Fotos von Massakern und spezifische Fälle verbreiten, in denen Sympathisanten im Gefängnis landeten. Das funktioniert sehr gut. Doch die IS-Anhänger erreichen wir nicht mit Bürokratie. Um wirklich weiterzukommen, müssen Staaten und Organisationen die Vorbilder der muslimischen Welt identifizieren und ihnen eine Stimme geben. Wir müssen neue, junge Stimmen der muslimischen Gemeinschaft identifizieren – besonders junge Sunniten brauchen eine Plattform, um die Ideen und Ideologie des IS anzufechten. In den letzten Jahren gab es sechs muslimische Nobelpreisträger. Was ist mit denen? Staaten sind aktuell eher Geldgeber. Was wir brauchen sind die Kreativen und die Künstler, mit denen wir werben und Filme drehen können. Es fließt so viel Geld in die Werbung während des Superbowls. Können wir solche Clips mit Prominenten nicht für unsere Zwecke nutzen? Das ist der nächste Schritt und immerhin fangen die westlichen Regierungen an, darüber nachzudenken. Aber Stiftungen, Philanthropen und Unternehmen müssen da mitziehen. Zusätzlich ist die Arbeit mit den Familien und Angehörigen der Extremisten sehr wichtig. In Kanada gibt es schon ein solches Projekt mit den Müttern von radikalisierten Kindern, die im Dschihad gestorben sind. Sie informieren über Frühwarnsignale und berichten, wann ihre Söhne und Töchter dieses Schwarz-Weiß-Denken übernommen haben.

42: Sicherheitsbehörden sehen ein großes Problem bei sogenannten Lone Wolves, die sich in kürzester Zeit radikalisieren und Anschläge planen. Wie soll man damit umgehen?

KM: Laut Theorie sind individuelle Anschläge Teil einer größeren Strategie. Mikro-Attentate anstatt eines neuen 9/11s. Lone Wolves radikalisieren sich im Internet. Alle IS-Videos im Netz fordern Muslime direkt zu Hass und Gewalt auf. Das leistet das globale Netzwerk der IS-Anhänger und beeinflusst so Individuen. Die Anschläge in Kanada 2014 gehen auf Lone Wolves zurück. Ihre Reise zum IS scheiterte. Beide radikalisierten sich innerhalb von ein oder zwei Jahren. Sie änderten ihren Namen, ihr Verhalten, entfremdeten sich von ihren Familien. Die Behörden verweigerten ihnen den Reisepass. Also verübten sie lieber Anschläge im eigenen Land. Diese Online-Propaganda wirkt stark auf die Psyche. Der IS indoktriniert mit seinen Videos. Also müssen wir uns auf die Deradikalisierung konzentrieren: Welche psycho-therapeutische Unterstützung ist hilfreich, um die Leute zurückzuholen? In Deutschland wird zum Beispiel viel mit Neo-Nazis gearbeitet. Viele Aspekte dieser Arbeit gegen totalitäre Ideologien sind übertragbar, daraus sollte man Lehren ziehen. Eine ganz eigene Strategie haben die Kanadier entwickelt. Sie haben IS-Anhänger kürzlich zu Peace Bonds, einer Art Bewährungsstrafe, verurteilt. Die Extremisten stehen unter Hausarrest, müssen eine Fußfessel tragen, haben keinen Zugang zu Handys, oder dem Internet. Die Idee ist ganz einfach: Ohne Zugang zum Internet kann auch keine Kommunikation und Koordination mit Gleichgesinnten stattfinden.

42: Was können die westlichen Länder somit an ihren Counterterrorism-Strategien optimieren?

KM: Es geht um mehr als Terrorismusbekämpfung. Der IS verbindet Extremismus, Technologie und Kriegsverbrechen in einem globalen Netzwerk. Da reicht es nicht aus, auf nationalem Level zu agieren. Der IS ist wirtschaftlich sehr gut aufgestellt. Er finanziert sich mit Ölquellen, Geiselnahmen und hat viele Sponsoren im Nahen Osten. Saudi Arabien und Katar finanzieren die Eröffnung von Schulen, die extremistische Ansichten unterstützen. Sie fördern keine Gewaltanwendung, aber die dahinterstehenden Ideen vertreten die Auffassung von muslimischer Überlegenheit: Die Demokratie muss angegriffen werden, denn sie entspricht nicht dem göttlichen Willen. Ich fände es wunderbar, wenn sich westliche Länder dem entgegenstellen würden nach dem Motto: Wir akzeptieren keine derartigen Geldflüsse in Richtung unserer Länder, die aus einem Land ohne freie Meinungsäußerung, Minderheitenschutz und religiösem Pluralismus kommen. Wenn man das nur in einem Land stoppen kann, hat man wenigstens einen kleinen Teil des Problems gelöst. Der IS respektiert keine nationalen Grenzen und die sozialen Medien operieren auch darüber hinaus. Daran müssen wir uns anpassen indem wir mehr Ressourcen aufwenden und bessere internationale Koordinierung initiieren. Das Cyber-Kalifat des IS besteht letztendlich aus Individuen. An die müssen wir ran. Die Frage ist doch: Was ist das finale Ziel? Politiker weigern sich über die aktuelle Legislaturperiode hinauszudenken. Fakt ist aber, dass wir Bürger auf lange Sicht geschützt werden müssen. Um das zu erreichen brauchen wir eine globale Cyberstrategie.

42: Sehen Sie die Vorratsdatenspeicherung als einen ersten Schritt in die richtige oder in die falsche Richtung?

KM: Immer, wenn Regierungen sich den Zugang zu solchen Daten erleichtern wollen, gibt es einen Aufschrei. Freiheitsrechte und Privatsphäre – das ist alles schön und gut. In diesem Konflikt aber haben wir keine Wahl. Die Kritiker sind doch komplett naiv. Sie misstrauen ihrer Regierung und ganz unabhängig davon, dass sich die Berichte über religiöse Gewalttaten häufen, verweigern sie sich dagegen. Die Menschenrechtsverfechter lieben es, Verstöße dieser Art zu melden. Aber sie verbinden das nicht mit der Ideologie, die dahinter steht. Wir befinden uns in einer Ära der asymmetrischen Kriegsführung. Wir kämpfen einen Krieg, den wir nicht verstehen. Unzählige Extremisten bedrohen uns mit immer mehr Anschlägen. Wir haben auch ein Recht auf Leben. Und wenn wir unsere Gesetze nicht ändern, sind den Behörden dabei die Hände gebunden. Wir können uns dann nicht vor diesen Extremisten schützen.

42: Die Medien betten immer wieder Videos und Fotos in ihre Veröffentlichungen ein und verbreiten diese. Ist das ethisch korrekt?

KM: Die Medien dürfen dieses Material nicht aus dem Zusammenhang reißen. Damit geben sie dem IS genau das, was er will: Aufmerksamkeit und globale Verbreitung seiner Botschaft. Es ist eine ethische Frage, ob die Presse sich nicht mehr selbst beobachten sollte. Wenn es einen Anschlag gibt, muss diese Nachricht in einen Kontext eingebettet werden. Es muss über die Gruppe, ihre Ziele und Motivation informiert werden, was befürworten sie, was sind ihre Ziele.

 42: Nach den Anschlägen von Paris 2015 erklärten die Hacker von Anonymous dem IS den Krieg. Welche Auswirkungen kann das auf dem Kampf gegen Cyber-Dschihad haben?

KM: Das Hacker-Kollektiv Anonymous hat Konten des IS auf Social Media-Seiten in Massen aufgedeckt und zum Erliegen gebracht. Kritiker der Hacker behaupten, so behindere Anonymous Nachrichtendienste bei der Beobachtung und Verfolgung der Follower und Mitglieder des IS, anstatt sie zu stören. Befürwortern aber ist jedes Mittel recht, um den brutalsten nichtstaatlichen Akteur der Welt zu stoppen. Sie sagen: „Die neuen, digitalen Technologien dürften keine Kriegswaffen für Extremisten sein.“ Ich kann beide Positionen nachvollziehen. Das wichtigste aber bleibt, eine koordinierte digitale Antwort auf globaler Ebene zu finden. Wir müssen die Fähigkeit des IS beschränken, Anschläge zu planen. Regierungen und Zivilgesellschaften haben verschlafen, eine Antwort auf dieses globale Problem zu finden. 

Herr Matthews, vielen Dank für das Gespräch.

 

Interview: Anna Hörter

Übersetzung: Anna Hörter

Foto: Elliott Brown/Flickr

 

Kyle Matthews, Executive Director MIGS

 

Kyle Matthews, Executive Director MIGS