Vol. 1: Terrorism

Terrorismus und Islamwissenschaften

„Es geht um die Frage der heutigen Auslegung und Anwendung des Korans.“

Prof. Dr. Christine Schirrmacher, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

42: Frau Prof. Dr. Schirrmacher – was ist in Bezug auf den Islam Terrorismus?

Christine Schirrmacher: Terrorismus ist in diesem Kontext die mit dem Islam begründete Ausübung von Gewalt gegen Andersdenkende. Diese Gewalt richtet sich übrigens besonders gegen Muslime: Weltweit sind sie am häufigsten Opfer von islamistischem Terrorismus – und nicht, wie man annehmen könnte, Nicht-Muslime. Ich würde darüber hinaus die Aburteilung von Muslimen als Ungläubige durch andere (extremistische) Muslime – den sogenannten takfir – als eine Form des geistigen Terrorismus bezeichnen. Dieser geistige Terrorismus führt zu Hass, Verachtung und Konflikten, im Extremfall zu Gewalttaten bis hin zur Tötung desjenigen, den man als minderwertig und weniger gläubig betrachtet als sich selbst. Das zeigen etwa die Aktivisten des sogenannten „Islamischen Staates“.

42: Der Islam ist europaweit zu einem dominanten Diskussionsthema geworden. Gerade nach Anschlägen und Verbrechen tritt er immer wieder in den Fokus – etwa die Frage nach seiner Rolle in unserer Gesellschaft oder seinem Gefahrenpotenzial. Was fällt Ihnen auf, wenn Sie die aktuelle Debatte verfolgen?

CS: Es fällt vor allem auf, dass die Diskussionen, zuletzt in Deutschland etwa durch den verheerenden Anschlag in Berlin in der Vorweihnachtszeit 2016, aufgeregt verlaufen und die Tonlage dann leicht unsachlich wird. Die entstehende Emotionalität verstellt leicht den Blick auf sachliche, in die Tiefe gehende Analysen und konstruktive Lösungen. Andererseits erhält manches Überfällige durch solche Ereignisse auch neuen Schub – wie etwa die Diskussion über das Wirken von Moscheen, in denen radikale Prediger ein- und ausgehen. Maßnahmen nach konkreten Ereignissen rufen aber auch immer wieder Abwehrreflexe und Widerstand hervor. So ist der fehlende politische Wille einiger Bundesländer bei der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber schon lange bekannt. Einige Akteure beharren energisch darauf, dass die nordafrikanischen Staaten keine sicheren Herkunftsstaaten seien. Hektische Diskussionen wie Abwehrreflexe – beides behindert den Weg zu den konstruktivsten Lösungen. Aber es gibt auch besonnene Akteure, die Themen anmahnen, die wir dringend in unserer Gesellschaft diskutieren müssen.

42: Welche Themen zum Beispiel?

CS: Wie die Integration der vielen Geflüchteten besser gelingen kann als die der Gastarbeiter in den 60er Jahren zum Beispiel. Oder auch die Frage, wie wir im digitalen Zeitalter ein gesundes Mittelmaß zwischen Freiheit und Sicherheit finden – konkret etwa in der Diskussion um eine stärkere Überwachung öffentlicher Räume zur Aufklärung von Gewalttaten und Anschlagsversuchen. Einerseits geben viele Menschen über die sozialen Netzwerke freiwillig eine Unmenge persönlicher Informationen heraus, die längst professionell kommerziell genutzt und weitergegeben werden, andererseits lehnen sie ab, dass Strafverfolgungsbehörden zur Aufklärung von Straftaten Kameraaufnahmen erstellen und auswerten dürfen.

42: Nun greifen diese Maßnahmen erst dort, wo bereits Menschen dazu bereit waren, in den Dschihad zu ziehen. Welche Mittel eignen sich Ihrer Meinung nach, um zu verhindern, dass sich junge Muslime in Europa überhaupt radikalisieren?

CS: Investitionen in Schul- und Berufsausbildung wirken in jedem Fall vorbeugend, sind aber auch nicht die alleinige Lösung. Dennoch sollten wir uns sehr darum bemühen, dass möglichst wenige junge Leute ohne Perspektive auf der Strecke bleiben. Denn wer nichts zu verlieren hat, ist unter Umständen leichter erreichbar für den Aufruf zum Ausstieg aus der Gesellschaft. Eine aussichtslose Position auf dem Arbeitsmarkt kann Kriminalität als die lukrativere Variante erscheinen lassen – und vom gesellschaftlichen Ausstieg in die Kriminalität führt manche dann ihr Weg in den Dschihadismus. Auch Aufklärung und ein solider islamischer Religionsunterricht, der zum kritischen Denken und Fragen anregt, zählen zu den vorbeugenden Maßnahmen; genauso gezielte Präventionsprogramme in Schulen, Bildungseinrichtungen und Jugendzentren. Gerade Vorbilder aus der muslimischen Community sind sehr wichtig. Auch eine konstruktive Zusammenarbeit mit noch mehr Moscheen vor Ort wäre hilfreich – die natürlich dabei mitziehen müssen. Teilhabe, Anerkennung und ein gesellschaftlich klar formuliertes „wir“ – anstatt des Antagonismus „wir hier“ und „ihr dort“ – wären ebenfalls hilfreiche Schritte.

42: In der Debatte um sinnvolle Maßnahmen wird auch immer wieder ein Burka-Verbot ins Spiel gebracht. Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag?

CS: Natürlich gehört es zur europäischen Kultur, dass das Gesicht frei und das Minenspiel sichtbar ist. Ein Burka-Verbot verhindert jedoch sicherlich keine Radikalisierung, sondern führt in manchen Fällen vermutlich eher dazu, dass die betroffenen Frauen dann gar nicht mehr ihre Wohnung verlassen. Der Ursprung der Problematik ändert sich dadurch nicht: die Lehre, die vermittelt, dass Frauen außerhalb des Hauses eine Gefahr für die Gesellschaft sind und nur komplett verhüllt den öffentlichen Raum betreten dürfen. Außerdem: wollen wir wirklich, dass Polizisten demnächst damit beschäftigt sind, von Frauen, die Burka tragen, Zwangsgelder einzutreiben? Man sollte eher denen Null Toleranz zeigen, die ein Frauenbild lehren, das Frauen rechtlich benachteiligt, gesellschaftlich diskriminiert und erlaubt, sie gemäß Sure 4,34 [ein Abschnitt des Korans, Anm. der Autorin] zu züchtigen, wenn sie ihren Ehemännern „ungehorsam“ sind. Damit wird ein strafbewehrtes Handeln empfohlen, und dazu darf in Deutschland nicht aufgerufen werden. Bei Behörden oder Demonstrationen ist ein Burka-Verbot natürlich angemessen.

42: In der vorherrschenden Islam-Debatte sprechen wir ganz natürlich von „dem Islamismus“. Sie haben sich näher mit dem Phänomen befasst. Können Sie vielleicht kurz erklären, was der Begriff genau bezeichnet?

CS: Islamismus meint die politisierte Form des Islam. Seine Vertreter lehnen ab, dass der Islam nur als Religion und persönlicher Glaube gelebt werden soll. Der Islam, so lehrt der Islamismus, muss auch im politisch-rechtlichen Bereich zur Durchsetzung kommen; die Gesellschaft muss auf islamische Werte und Regeln ausgerichtet werden, also zum Beispiel die islamische Eheschließung statt der staatlichen zur Anwendung kommen. „Unislamisches“ muss hingegen verboten und entfernt werden. Im Strafrecht würde das auch prinzipiell die Anwendung der Körperstrafen wie Handamputation für Diebstahl oder Auspeitschung und Steinigung für Unmoral und Ehebruch bedeuten. Hinzu kommt natürlich die Ablehnung der Demokratie, da sie als menschengemachte Ordnung gilt.

42: Wie steht es mit dem Verhältnis der Islamisten zum Dschihad?

CS: Islamisten befürworten den Dschihad, zumindest zur „Verteidigung“ des Islam, was unter Umständen sehr dehnbar interpretiert werden kann. Für manche muss der Islam schon mit Gewalt „verteidigt“ werden, wenn Karikaturen gezeigt werden, für andere, wenn Menschen eine Bar oder einen Strand besuchen. Der Islamismus lehnt daher Demokratie, Frauen- und Freiheitsrechte, Religionsfreiheit (die auch die Abwendung vom Islam einschließt) und die gleichberechtigte Anerkennung Andersdenkender ab. Auch die erste und heute bedeutendste islamistische Organisation, die Muslimbruderschaft, die bisweilen für „gemäßigt“ gehalten wird, bekennt sich in ihren frühesten Schriften bereits zu Körperstrafen, zum Dschihad und dem schariageprägten Eherecht. Das erlaubt zum Beispiel dem Mann die Polygamie und seine Frau durch Verstoßung zu scheiden.

42: Islamisten lehren also islamische Werte und sie befürworten den Dschihad. Dennoch taucht in der Diskussion oft das Argument auf, Dschihadisten agierten unislamisch. Wie sehen Sie das – wie religiös sind islamistische Terroristen wirklich?

CS: Extremisten berufen sich auf die Religion als Motor ihres Handelns, was man nicht einfach damit wegerklären kann, dass das ja gar kein „richtiges“ Religionsverständnis sei. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es gerade das für sie ist. Im Endstadium ihres – bisweilen inzwischen sehr rasch verlaufenden – Radikalisierungsprozesses glauben sie tatsächlich, Gott einen Dienst zu erweisen und ihre Pflicht als gläubige Muslime zu tun, wenn sie sich selbst und möglichst viele andere Menschen in die Luft sprengen. Wir wissen aber auch, dass viele, die sich einer extremistischen Bewegung anschließen, zu Beginn wenig religiös waren. Persönliche Freundschaften, die Wärme und Annahme der Gruppe und die Gemeinschaft zogen sie mehr an als die Tatsache, dass sich diese Gruppe nun dezidiert als religiös bezeichnete. Extremismusforscher wissen schon seit längerem, dass es letztlich oft biografische Zufälle sind, warum jemand bei einer islamistischen Gruppe landet oder im Rechts- oder Linksextremismus.

42: Welche Faktoren spielen da hinein?

CS: Misserfolg in Schule und Beruf spielt bei der Offenheit für eine solche Gruppe eine Rolle – ebenso wie zum Beispiel biographische Brüche wie Migration, Vaterlosigkeit, Scheidungen oder Tod. Andererseits ist das Phänomen des islamistischen Extremismus nicht nur als Phänomen der sozial Gescheiterten erklärbar: Etliche der Attentäter des 11. September waren als angehende Ingenieure auf dem Weg in eine erfolgreiche berufliche Zukunft; auch Usama ben Laden oder sein Nachfolger bei Al-Kaida, Aiman az-Zawahiri, kamen aus hervorragenden sozialen Verhältnissen. Daher ist es ein Irrtum, wenn man ausschließlich soziale Momente als Ausgangspunkt oder Ursache für islamistischen Terrorismus ins Feld führt. Es geht auch um die Ideologie des Märtyrertums.

42: Welche Rolle spielt der Koran in dieser Ideologie? Enthält er Textstellen, die von Islamisten anders ausgelegt werden als von der restlichen muslimischen Welt?

CS: Der Koran enthält ja verschiedene Aufforderungen Allahs an Muhammad, zu kämpfen und gegen die Ungläubigen Krieg zu führen. Ab 622 n. Chr. führte er in Medina mehrere Angriffs- und Verteidigungskriege an. Schon der Koran verspricht denjenigen, die „auf dem Weg“ Gottes kämpfen und getötet werden, den Eingang ins Paradies (z. B. Sure 47,4), was die islamische Überlieferung bestätigt und unterstreicht. Auch im Schariarecht wird die grundsätzliche Pflicht der islamischen Gemeinschaft zum Dschihad betont. Die Frage ist, wie man mit diesen Berichten heute umgeht. Die Mehrheit der Muslime würde aus diesen Versen keine Anweisung erkennen, selbst einen (bewaffneten) Kampf gegen Nicht-Muslime zu führen; Extremisten aber lehren genau diese Pflicht, die jeder Einzelne im Hier und Jetzt zu erfüllen habe. Es geht also wesentlich um die Frage der heutigen Auslegung und Anwendung entsprechender Korantexte. 

42: Auch in der Bibel gibt es Textstellen, die dazu aufrufen, zum Beispiel Blasphemie und Homosexualität mit dem Tod zu bestrafen. Warum wird die Bibel heute so anders ausgelegt als früher – und der Koran nicht?

CS: Diese Textstellen aus dem Alten Testament werden heute von den christlichen Kirchen durchweg als zeitlich begrenzt gültig betrachtet, galten also für das Volk Israel zur Zeit des Alten Testamentes, haben aber keine überzeitliche Gültigkeit. Das heißt, die christlichen Kirchen haben sich einer Hermeneutik geöffnet, die zwischen zeitbedingten Anweisungen für bestimmte Epochen – insbesondere für das Volk Israel – und zeitlos gültigen Geboten unterscheidet. Sie kommen etwa in den 10 Geboten zum Ausdruck und werden in der Bergpredigt aufgegriffen und neu ausgerichtet – hier geht es ja zum Beispiel um die Ablehnung von Vergeltung und Hass und die Pflicht zur Wertschätzung aller Menschen, einschließlich der eigenen Feinde. Im Koran findet sich dagegen dieses absolute Gewalt- und Racheverbot gegen Feinde ebenso wenig wie diese generelle Verpflichtung zur Nächsten- und Feindesliebe.

42: Finden sich im Koran dennoch Aussagen, die islamistisch-terroristischen Taten widersprechen?

CS: Es gibt natürlich Koranstellen, die zum Frieden unter Muslimen aufrufen (Sure 8,1) oder zum Frieden mit dem Feind, sofern er Frieden hält (Sure 8,61), zur Fürsorge gegenüber den Armen und Waisen (z. B. Sure 2,83) oder – nach Auffassung mancher Ausleger zumindest – zur Religionsfreiheit (Sure 2,256). Aber es gibt keine Texte, die Krieg, Kampfhandlungen oder Vergeltung generell untersagen, so dass weniger die Frage ist, ob es friedensorientierte Textstellen gibt, sondern wie man mit denjenigen Stellen umgeht, die zu Kampf, Vergeltung und Krieg aufrufen. Hier ist die Problematik, dass die islamische Theologie bisher keine Hermeneutik entwickelt hat, um diese Verse (wie Sure 9,29) grundsätzlich und unter allen Umständen als heute nicht mehr gültig zu begründen. Diejenigen, die das getan haben und eine historisierende Auslegung fordern – wie beispielsweise der sudanesische Islamwissenschaftler Abdullahi an-Na’im –, werden in der Regel als Apostaten und Ketzer verfolgt; einige wurden sogar umgebracht. Die etablierte Theologie der Universitäten und Moscheen im Nahen Osten hat sich bisher einer solchen grundsätzlichen Friedenstheologie noch nicht geöffnet.

42: Was sind – abseits der unterschiedlichen Auslegung der Schriften – die grundlegenden Unterschiede zwischen Christentum und Islam?

CS: Ein grundlegender Unterschied liegt einmal in der Stifterpersönlichkeit: Muhammad betrachtete sich als zum Volk der Arber gesandt: als sterblicher Mensch und letzter Prophet, der gekommen sei, die eine Ur-Offenbarung – wie sie früher schon an Juden und Christen ergangen war – zu korrigieren und abschließend zu verkünden. Diese Ur-Offenbarung war jedoch nach islamischer Auffassung eine Art Ur-Islam, von dem Juden und Christen wieder abwichen. Daher wird der Islam auch als die erste Religion der Menschheit betrachtet und nicht als letzte Offenbarung nach Juden- und Christentum. Muhammads Vorbild muss umfassend nachgeahmt werden – was die Problematik in sich trägt, dass Muhammad eben auch Gesetzgeber und Politiker war. Kernpunkt des Christentums ist die Botschaft von Jesus, dem Sohn Gottes, der gekommen sei, die Menschen von Schuld zu befreien und mit Gott zu versöhnen. Der Aufruf, ihm zu folgen, bedeutet, von diesem Handeln Gottes bewegt ethisch zu handeln und sich dem Mitmenschen zuzuwenden. Man könnte verkürzt sagen, der Islam lehrt, dass der Mensch – durch Unterwerfung – zu Gott kommen muss, während das Christentum lehrt, dass Gott in seinem Sohn Jesus zum Menschen kommt. Daraus ergeben sich Unterschiede im Menschen- und Gottesbild, aber auch im Verhältnis zu Staat und Gesellschaft.

42: Warum gibt es im Vergleich zum islamistischen kaum christlich motivierten Terrorismus?

CS: Nach Auffassung aller Kirchen, führenden Theologen und christlichen Bewegungen weltweit gilt für Christen mit dem Neuen Testament das Verbot von Hass, Verachtung und Gewalt gegen jedermann, auch gegen Feinde. Ja, dieses Verbot wird positiv formuliert als Verpflichtung zur Nächsten- und Feindesliebe. Bei diesem Sachverhalt wäre es schon sehr schwierig, für Terrorismus die christliche Botschaft als Begründung anzuführen. Trotzdem ist das immer mal wieder geschehen, wie etwa im Nordirland-Konflikt – was allerdings auch einhellig verurteilt wurde. Außerdem ruft das Neue Testament dazu auf, den Staat in seiner Funktion als Ordnungsmacht anzuerkennen und ihn nicht zu bekämpfen, was den bewaffneten Kampf für „mehr Christentum“ in Staat und Gesellschaft ausschließt. Zudem definiert das Neue Testament als „Reich Gottes“ gar kein Staatsgebiet. Es wird deutlich formuliert, dass sich Gottes Reich im Handeln und Denken der Menschen manifestiert, nicht in Gebietseroberungen. Allerdings muss man betonen, dass die christlichen Kirchen ihre Zeit brauchten, um sich mit der Demokratie zu versöhnen. Und das Christentum musste im Laufe der Geschichte erst eine erhebliche Entwicklung zur Ablehnung jeglicher Gewalt durchmachen.

42: Als Islamwissenschaftlerin beschäftigen Sie sich sehr ausführlich mit dem Islam. In der Gesellschaft ist das naturgemäß anders. Daher würde mich zuletzt Ihre Erfahrung interessieren: Welche Missverständnisse häufen sich im Umgang mit dem Islam?

CS: Wann immer sich ein Anschlag ereignet, bewegt sich die Debatte zwischen den Extremen „so ist der Islam“ auf der einen Seite und „das hat mit dem Islam nichts zu tun“ auf der anderen Seite, was beides meines Erachtens weder zutreffend noch eine konstruktive Hilfe zur Aufarbeitung der Geschehnisse ist. Mehr Differenzierung und Beschäftigung mit Hintergründen und unterschiedlichen Formen des Islam täte hier Not – das verlangt allerdings einige Mühe und Engagement. Eine klarere Abgrenzung und Distanzierung von politischen, auch nicht-gewalttätigen Formen des Islam seitens islamischer Organisationen und Verbände wäre aus meiner Sicht wesentlich, denn sie entlastet die vielen demokratiegesinnten Muslime. Dadurch wäre zugleich eine konstruktiv-kritische Erörterung dieses Themas mit führenden Vertretern des Islam in Deutschland und islamischen Moschee- und Dachverbänden möglich. Wir dürfen uns nicht scheuen, wichtige gesellschaftliche Fragen aufzuwerfen und sollten gemeinsam überlegen, wie eine mit westlichen Werten kompatible Frauenrolle, oder eine generelle Verurteilung von Gewalt im Namen des Islam in der Gesellschaft noch wirksamer vermittelt werden können.

42: Frau Prof. Dr. Schirrmacher, vielen Dank für dieses Interview.

 

Interview: Eliana Berger

 

Prof. Dr. Christine Schirrmacher
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn