Archive, Vol. 1: Terrorism

Die Sprache des Terrorismus

„Was wir über Unkraut, Krebs oder Übel wissen, übertragen wir mental auf den Terrorismus.“

Prof. Dr. Daniela Pirazzini, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

42: Wie definieren Sie als Sprachwissenschaftlerin Terrorismus?

Daniela Pirazzini: Das Wort ‚Terrorismus‘ leitet sich vom lateinischen Verb terrere ab, das ‚erschrecken‘, ‚aufschrecken‘, ‚in Schrecken versetzen‘ bedeutet. Mit dem Begriff Terrorismus bezieht man sich heute im Allgemeinen auf die Ausübung von gewalttätigen Handlungen, welche Angst und Furcht verbreiten. Aus einer sprachwissenschaftlichen, diskurslinguistischen Perspektive lässt sich die Bedeutung eines Wortes jedoch nur systematisch beschreiben, wenn man genau untersucht, wie das Wort in einer bestimmten Zeit in geschriebenen und gesprochenen Texten einer bestimmten Sprach- und Kulturgemeinschaft gebraucht wird – man denke etwa an die als Terreur, also als Terrorherrschaft bezeichnete Schreckensphase der Französischen Revolution, die zigtausende Opfer forderte. Die verschiedenen Aspekte der Bedeutung eines Wortes konstituieren sich immer im sprachlichen Diskurs, und zwar anhand der Verknüpfung mit anderen Wörtern im Text. Wenn zum Beispiel von la violence du terrorisme im Französischen und la violenza del terrorismo im Italienischen die Rede ist, lässt der Zusammenhang von fr. terrorisme/it. terrorismo mit fr. violence/it. violenza deutlich erkennen, dass das Wort ‚Terrorismus‘ im Französischen und Italienischen als Handlung und nicht als Ereignis bzw. Zustand kategorisiert wird. Dies ist der Grund, warum die Bedeutung eines Wortes sich – sprachwissenschaftlich gesehen – nicht uneingeschränkt mit dem sprachlichen Zeichen (in diesem Fall dem Wort ‚Terrorismus‘) deckt.

42: In Ihrer Forschung zur italienischen und französischen Sprachwissenschaft beschäftigen Sie sich viel mit dem Märchenmodell. Was versteht man darunter?

DP: Das Märchenmodell ist ein meist unbewusstes Denkmuster, das unseren Alltag prägt. In jedem Märchen gibt es einen Täter, ein Opfer und einen Retter. In verschiedenen Situationen, zuhause oder auf der Arbeit etwa, denken und agieren wir nach diesem mentalen Modell. Stephen Karpman, ein US-amerikanischer Psychologe, hat das als einer der Ersten erkannt: Die grundlegende Struktur menschlichen Interagierens entspricht dieser Triade, die wir aus dem klassischen Märchen kennen. In vielen alltäglichen Situationen – im Kreis der Familie, bei der Arbeit, in der Politik – neigen die Menschen demnach dazu, mindestens eine dieser Rollen einzunehmen. Wenn Donald Trump zum Beispiel behauptet, „[e]r wolle sein Land vor ‚bösen Typen‘ schützen“ dann inszeniert er sich deutlich als Retter und lässt Amerika die Rolle des Opfers einnehmen.

42: Psychologische Neigungen setzen sich demnach in anderen Strukturen fort: Zu welchem Zweck wird das Märchenmodell in der Politik eingesetzt?

DP: Am besten verweise ich hier auf ein bekanntes Beispiel aus der internationalen Politik, das der kognitive Linguist George Lakoff herausgearbeitet hat. Um den Golfkrieg zu rechtfertigen und die amerikanische Bevölkerung von der Notwendigkeit einer Intervention im Irak zu überzeugen, hat George Bush Sr. 1991 das Märchenmodell als argumentatives Instrument eingesetzt, denn es sollte seine eigenen Interessen im Hinblick auf einen etwaigen Militärschlag stützen. Das irakische Volk und Kuwait waren in seiner Darstellung die Opfer, während Saddam Hussein die Rolle des Täters bekleidete, der die Opfer bedrohte und im Begriff war, anzugreifen. Man benötigte folglich einen Retter in Gestalt einer Militärmacht, der im Stande wäre, das Opfer vor der Aggression des Täters zu beschützen. Das Modell erfüllte seinen Zweck: Die Mehrheit der Amerikaner glaubte dem Präsidenten und war überzeugt, dass es sich um einen, wie Lakoff beschreibt, „gerechten Krieg“ handelte.

42: Inwiefern lässt sich das Märchenmodell auch auf die Situation Frankreichs nach den Anschlägen des IS anwenden?

DP: In Frankreichs Fall liegen Retter und Opfer ganz nah beieinander. Frankreich fühlte sich nach den Terroranschlägen als Opfer und politisch vollkommen legitimiert, sich selbst zu verteidigen und damit zu retten. Präsident Franҫois Hollande wählte in seiner Rede vom 16. November 2015 den Krieg als Retter, das heißt einen Retter in Gestalt einer Militärmacht, der im Stande ist, das Opfer (Frankreich) vor der Aggression des Täters (den IS-Terroristen) zu beschützen und die Täter zu vernichten. Die IS-Terroristen empfinden sich aus ihrer Sicht jedoch ebenfalls als Opfer, die einen Retter brauchen. Bei ihnen füllt der Terror die Retterposition aus. Wenn beide Kontrahenten, Opfer und Retter, dieselbe Rolle spielen und keiner der beiden sich als Täter fühlt, dann ist es extrem schwierig, eine friedliche Lösung zu finden. Fraglich ist hierbei natürlich, ob die Terroristen des IS mit ihrem kulturell doch sehr verschiedenen Hintergrund überhaupt durch das Modell des Märchens geprägt sind, und, wenn ja, ob sie die entsprechenden Rollen in derselben Weise konzeptualisieren wie wir.

42: Durch die Anwendung des Märchendreiecks konnte der Krieg also legitimiert werden. Inwiefern ist es sinnvoll das Märchenmodell in der Sprachwissenschaft auf Terrorismus anzuwenden?

DP: Dieses Modell ist vor allem in der Sprachwissenschaft so fruchtbar, da die Rollen des Märchenmodells je nach Sprache verschieden benannt werden. Ein Täter wird im Italienischen zum Beispiel auch als Monster, Schwein oder Bestie beschrieben. Diese Bezeichnungen, die sich historisch, kulturell und mental in einer bestimmten Einzelsprache etabliert haben, können uns wichtige Informationen darüber geben, wie zum Beispiel die Täter zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Sprach- und Kulturgemeinschaft gesehen und rezipiert werden. IS-Terroristen werden zum Beispiel im heutigen Französisch fanatiques genannt, wie man in diesem Zitat aus einer Rede von Franҫois Hollande kurz nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo sehen kann: „Ces fanatiques n’ont rien à voir avec la religion musulmane.“ Diese Bezeichnung fanatiques für Terroristen war in unserem Denken nicht so stark geprägt, erst der Terror-Akt an Charlie Hebdo rief diese neue, festere Bindung hervor.

42: Hat denn die Vorstellung von Terroristen als Fanatiker die Wahrnehmung von Terrorismus verändert?

DP: Durch die konzeptuelle Metapher „Terroristen als Fanatiker“ hat der Terrorismus heutzutage tatsächlich eine ganz neue Form angenommen, denn der Begriff „Fanatiker“ impliziert, dass rationale Argumente kein Gehör finden. Kommunikation ist also nicht möglich. Wir haben es bei dem IS mit einem Gegenüber zu tun, der nicht bereit ist zu diskutieren. Das stellt uns vor neue Herausforderungen.

42: Da wir mit dem IS nicht reden können, wird Krieg gegen ihn geführt?

DP: Ja, denn was sind die konstitutiven, die wichtigsten Elemente im sogenannten Frame (das heißt in unserer mentalen Vorstellung von) KRIEG? Man muss gegen den Feind kämpfen. Wenn der Feind als das absolute Böse wahrgenommen wird, dann muss man es vernichten! Die Lösung des Problems ist die Zerstörung des Feindes, die gleichzeitig die Vernichtung des Bösen ist. In diesem Fall haben wir nicht mehr die Möglichkeit des Dialogs, sondern nur noch Bomben.

42: Das Wort „Fanatiker“ für IS-Terroristen kommt im Deutschen nicht so häufig vor. Hat das Wort „Terrorismus“ im Deutschen nicht die gleiche Bedeutung wie im Französischen?

DP: Im Deutschen wird häufiger die Wortbeziehung „den Terrorismus bekämpfen“ verwendet. Diese weckt Assoziationen mit Krieg, Kampf, Verlierer und Gewinner. Sie legt nahe, dass Terrorismus als „Feind“ wahrgenommen wird. Im romanischen Raum hingegen ist das „Böse“, das Konzept, das primär hervorgerufen wird, zum Beispiel in Ausdrücken wie éradiquer le terrorisme im Französischen und sradicare il terrorismo im Italienischen.

42: Welche Emotionen kommen auf, wenn das Wort „Terrorismus“ fällt?

DP: Die deutsche Wortform „Terrorismus“ beinhaltet – wie auch seine französischen und italienischen Entsprechungen – das Wort Terror (französisch terreur und italienisch terrore). Das weckt die Assoziation, dass der Terrorismus ein Schrecken und ein Schock ist: Etwas, das plötzlich und unerwartet vorkommt, ein Augenblick von absoluter Dunkelheit. Es handelt sich dabei, so vermute ich, um universale Denkverknüpfungen, die nicht unbedingt mit einer bestimmten Einzelsprache zusammenhängen. Wenn wir die Wörter „Terrorismus“, „Terror-Attacke“ oder „Terror-Anschläge“ hören, dann denken wir an den Schrecken, spüren diese plötzliche Angst, die uns lähmt und verstummen lässt. Wenn man nun aber genauer bestimmen will, was in einer bestimmten Zeit mit dem Wort „Terrorismus“ gemeint ist, dann muss man zuerst wissen, wie das Wort in einer bestimmten Sprachgemeinschaft gebraucht wird.

42: Dann nehmen wir doch die romanischen Sprachen als Beispiel. Wie wird das Wort „Terrorismus“ dort verwendet?

DP: Bleiben wir bei Aussagen von Franҫois Hollande. Nach den Terror-Anschlägen von Paris hat er vier Mal die Äußerung „nous éradiquerons le terrorisme“, wörtlich: „wir werden den Terrorismus entwurzeln“, am Ende seiner Rede zum Ausdruck gebracht. Sprachwissenschaftlich gesehen handelt sich bei éradiquer le terrorisme um eine Wortverbindung, die auch im Italienischen sehr üblich ist. Carlo Azeglio Ciampi, der ehemalige Staatspräsident Italiens, hat zum Beispiel von „grande alleanza per sradicare il terrorismo“ gesprochen. Nun, das französische Verb éradiquer und das italienische Verb sradicare sind eng mit den Begriffen „Unkraut“ (éradiquer la mauvaise herbe / sradicare l’erba cattiva), „Krebs“ (éradiquer le cancer / sradicare il cancro) und mit „Übel” verknüpft. Diese recht alten Wortbeziehungen tragen dazu bei, dass die Verwendung von éradiquer le terrorisme oder sradicare il terrorismo komplexe mentale Assoziationen weckt.

42: Und zwar, dass die Wurzeln des Terrorismus sehr schwer herauszureißen sind?

DP: Nicht nur. Viel wichtiger sind die mentalen Verbindungen mit den anderen Eigenschaften von Unkraut, Krebs und Übel. Terrorismus, so wie Unkraut oder ein Krebsgeschwür, verbreitet sich mit großer Geschwindigkeit und zerstört alles, was in der Nähe ist. Außerdem ist es schwer zu vernichten und wuchert wild und ungehindert. Was wir über Unkraut, Krebs oder Übel wissen, übertragen wir mental auf den Terrorismus. Diese mentalen Assoziationen erklären auch, warum IS-Terroristen im heutigen Französisch und Italienisch als „Fanatiker“ bezeichnet werden. Fanatiker sind Menschen, die ungehindert und unkontrolliert handeln.

42: Welche realen Konsequenzen kann man aus diesen Erkenntnissen ziehen?

DP: Diese verschiedenen Denkverknüpfungen bestimmen zu einem großen Teil, welche Maßnahmen gegen den IS-Terrorismus durchzuführen sind: Gegen Unkraut und Krebs strebt man die totale Vernichtung an und gegen den Feind im Krieg den militärischen Gewinn.

42: Hinter diesen Zielen verbergen sich Werte. Welchen Wert verteidigen europäische Politiker heutzutage am meisten?

DP: Einer der wichtigsten Werte, der uns mitgegeben wird, ist die Freiheit – die Freiheit des Denkens und des Redens. Und es folgt eine ganze Reihe von mentalen Verknüpfungen. In den Frame FREIHEIT gehören zum Beispiel Toleranz, Menschenrechte, Menschenwürde und Demokratie. Uns wird vermittelt, dass die Terroristen versuchen, uns diese Freiheit wegzunehmen – und das macht natürlich Angst.

42: Dementsprechend ist es wichtig herauszufinden, wie Terroristen über Freiheit denken?

DP: Das ist es. Für uns ist die Freiheit des Individuums mit bestimmten Werten, Regeln und Normen verbunden. Sie ist unser höchstes Gut. In der radikalisierten Kultur des IS gibt es möglicherweise andere Werte, die das alltägliche Leben grundlegend bestimmen. Wir müssen also nicht nur wissen, was Freiheit in einem anderen kulturellen Kontext bedeutet, sondern auch, welche Werte dort einen vergleichbaren Stellenwert einnehmen. Die Angst, die viele empfinden, rührt daher, dass diese Terroristen uns so fremd sind.

42: IS-Terroristen sind nicht fassbar, sondern anonym, und erscheinen auch deshalb als bedrohlich. Wäre es nicht hilfreich durch sprachwissenschaftliche Analysen Terroristen ein „Gesicht“ zu geben?

DP: In den Medien wird uns nur unsere Perspektive gezeigt, aber noch zu wenig von den relevanten mentalen Konzepten der IS-Terroristen. Wir wissen zum Beispiel, dass sie instrumentalisierten Selbstmord als extrem positiv bewerten, jedoch sehr wenig darüber, wie sie den Frame MENSCH konzeptualisieren, und ob sie Konzepte wie Freiheit, Toleranz oder Menschenwürde im Zusammenhang mit dem Konzept „Mensch“ überhaupt aktivieren. Kognitive Analysen der von ihnen verwendeten Sprache und der zugrundeliegenden Konzepte wären extrem wichtig, denn dann könnten wir eventuell auch andere Perspektiven rekonstruieren.

42: Die amerikanische Kultur ist unserer europäischen da deutlich ähnlicher. Kann man diese Ähnlichkeit auch in der Sprache über Terroristen finden?

DP: Interessant sind hierbei nicht primär die Ähnlichkeiten, sondern vor allem die Unterschiede. Diese kann man sehr gut erkennen, da Retter, Opfer und Täter mit anderen Worten bezeichnet werden. Bush schildert den Terroristen zum Beispiel anhand seiner Taten: „He [Saddam Hussein] subjected the people of Kuwait to unspeakable atrocities – and among those maimed and murdered, innocent children“. Franҫois Hollande bezeichnet die IS-Terroristen als „Kriminelle“ und als „Fanatiker“ („ce sont des fanatiques“).

Das heißt allgemein gesprochen: Je nachdem, welche Bezeichnungen Retter, Opfer und Täter in den verschiedenen Kulturgemeinschaften haben, führt dies zu unterschiedlichen Interpretationen der Wirklichkeit.

42: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Interview: Lena Kronenbürger

Foto: Lena Kronenbürger

 

Prof. Dr. Daniela Pirazzini
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn