Vol. 1: Terrorism

Terrorismus und die Medien

„Man sollte die Bevölkerung einbeziehen, richtig informieren, aber keine Hysterie verbreiten.“

Prof. Dr. Caja Thimm, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

42: Frau Professor Dr. Thimm – was verstehen Sie unter dem Begriff Terrorismus?

Caja Thimm: Terrorismus ist für mich die mit Gewalt belegte Aggression gegen staatliche Instanzen; gegen Personen, die diesen Staat repräsentieren oder Einrichtungen des Staates. Die RAF (Anm. der Autorin: Rote Armee Fraktion), die Morde an Jürgen Ponto oder Hans Martin Schleier – das sind meine frühen persönlichen Erinnerungen. Der aktuelle Terrorismus hat natürlich ein ganz anderes Gesicht. Er ist viel weniger persönlichkeitsorientiert und viel mehr auf symbolische Aktionen ausgerichtet.Heute geht es vor allem um weltanschauliche Themen und viel weniger um Staatsterrorismus, wie es früher der Fall war.

42: Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung verstärkt mit Onlinemedien. Terrorismus gibt es schon sehr lange – soziale Netzwerke nicht. Wie machen sich Terroristen dieses neue Instrument zunutze? 

CT: Terroristen agieren sehr intensiv, sehr professionell – teilweise auch mit westlicher Hilfe. Es gibt zum Beispiel britische und deutsche Onlinejournalisten mit sehr guten journalistischen Skills, die mit Al-Qaida und dem Islamischen Staat zusammenarbeiten. Sie produzieren Videos auf hohem Niveau, gerade für Kanäle wie YouTube. In diesen Videos adressieren sie ein bestimmtes Lebensgefühl voller Harmonie und Versprechungen und halten dabei sowohl für junge Frauen als auch für junge Männer Antworten bereit. Es wird ein idealisiertes Leben inszeniert, in dem eine verschworene Gemeinde gegen einen gemeinsamen Feind kämpft und so einen Sinn im Leben findet.

42: Gibt es Vorbilder für diese Art von Propaganda? Woran orientiert sie sich?

CT: Musik spielt zum Beispiel eine wichtige Rolle. Außerdem werden bestimmte kulturelle Muster abgerufen: Vom glücklichen Leben, von idyllischen Zuständen. Dann natürlich auch der Grundgedanke, dass der Märtyrertod – letztlich ja auch ein christlicher Topos – ein Versprechen auf Heil ist. Das wird auch visuell umgesetzt.

42: Und abseits der Propagandavideos?

CT: Sie machen sich Verschlüsselungssoftware zunutze. Terroristen nutzen meist eben kein WhatsApp, sondern Telegram, das ähnlich aufgebaut, aber besser verschlüsselt ist. Diese Verschlüsselung können Sie nicht umgehen. Besonders die französischen Terroristen nutzen Telegram sehr intensiv, zum Beispiel der Nizza-Attentäter. Insgesamt sind sie im Netz wirklich gut aufgestellt.

42: Welche Verbreitungswege eignen sich hier besonders? Sie haben zum Beispiel viel zu Twitter geforscht – wie sieht es dort aus?

CT: Twitter wird zwar von Terroristen zur Vernetzung und Verbreitung von Informationen genutzt, mittlerweile aber relativ stark kontrolliert. Trotzdem, wenn Sie einen Twitter Account löschen, taucht gleich ein neuer auf. Das lässt sich schwer eindämmen. Die Forschung der internationalen Kollegen zeigt aber, dass vor allem die interpersonale direkte Kommunikation von Bedeutung ist. So war es zum Beispiel auch bei dem Angreifer in Ansbach: Er wurde parallel von einem Anleiter auf Telegram begleitet, bekam konkrete Push-Nachrichten: „Geh jetzt los.“ Das bedeutet: Das dialogische Element ist wichtig, nicht nur die soziale Vernetzung insgesamt. Und diese mediale Begleitung wird immer intensiver. Die Attentäter werden minütlich regelrecht observiert. Wenn sie sich erst entschlossen haben, einen Anschlag zu verüben und wenn sie die Vorbereitungen getroffen haben, dann wird sichergestellt, dass sie ihn auch wirklich durchführen. 

42: Welche Möglichkeiten gibt es für die Betreiber sozialer Netzwerke, so etwas einzudämmen? Twitter löscht ja, wie Sie bereits angedeutet haben nur mit mäßigem Erfolg…

CT: Dazu bräuchte es eine Vollüberwachung – eine Konstantüberwachung. Das ist technisch und vor allem auch juristisch unmöglich. Dass Gefährder intensiver überwacht werden, ist selbstverständlich. Auch dafür braucht man juristische Maßnahmen, die aber bereits gegeben sind. Zum Beispiel die Überwachung ihrer Telekommunikation. Wir brauchen keine weiteren Gesetze.

42: Das heißt, die Medienunternehmen tun bereits alles, was sie können?

CT: Was Terrorismus angeht, gibt es diesbezüglich immer noch die große Frage der Verantwortung. Die Morde vor der laufenden Kamera auf Facebook, die sich in den letzten Wochen ereignet haben, sind schreckliche Beispiele für neue massenmediale Inszenierungen von Gewalt. Wo die digitalen Plattformen aber auf jeden Fall massiv nachbessern müssen, ist der Bereich Hate Speech. Rassismus, Holocaustleugnung… Vor allem Facebook ist hier weit hinter allen Ansprüchen zurückgeblieben, wie die Jugendschutz.net Studie eindrücklich belegt hat.

42: Schlagworte wie Hate Speech, Fake News oder Bots tauchten bislang vor allem im Kontext rechtspopulistischer Bewegungen auf. Können diese Phänomene sozialer Netzwerke auch für terroristische Zwecke genutzt werden?

CT: Gerade Bots sind sehr nützlich. Das sind eigentlich nur kleine Programme, die bestimmte Muster im Netz replizieren. Donald Trump zum Beispiel pflegt einen ganz bestimmten Diskursstil: Er nutzt keine Operatoren wie Hashtags, Links oder Retweets. Und dann gibt es Bots, die diesen Diskursstil wiedergeben und daran angelehnt neue Texte erfinden. Sie können so zum Beispiel zur Meinungsbeeinflussung oder zur Destabilisierung genutzt werden. Das haben wir im amerikanischen Wahlkampf gesehen. Viele sorgen sich momentan, dass Wladimir Putin Einfluss auf den deutschen Wahlkampf nehmen wird. Beispielsweise, indem „Fake News“, falsche Informationen lanciert werden – und diese Sorge halte ich für sehr begründet. Aber das ist natürlich kein Terrorismus.

42: Soziale Netzwerke werden oft als Nährboden für Terrorismus angesehen, aber immer häufiger auch gelobt, wenn es darum geht, in kritischen Situationen den Überblick zu bewahren – zum Beispiel über den Safety Check bei Facebook oder Informationen über die Twitter Accounts der zuständigen Polizei. Die Funktion des Safety Checks ermöglicht es Facebook-Nutzern, die sich in einem akuten Krisengebiet (zum Beispiel am Ort eines Terroranschlags) befinden, anderen Nutzern mitzuteilen, dass sie in Sicherheit sind. Wie beurteilen Sie die Auswirkungen sozialer Netzwerke?

CT: Ich würde nicht sagen, dass soziale Netzwerke ein Nährboden für Terrorismus sind. Sie werden für gute und für schlechte Zwecke gleichermaßen genutzt. Dass Terroristen sich vernetzen wollen und müssen, ist klar. Und dass sie deshalb soziale Netzwerke nutzen, ist auch klar. Ich würde diese Tools deswegen nicht dämonisieren. Wir brauchen einfach mehr Leute im Netz, die aufpassen, also mehr digitale Watch-Dogs, mehr Counter-Speech, zum Beispiel gegen Hasstiraden. Es gibt momentan zu wenig Digitale Citoyens – Bürger, die politisch bewusst sind und gegen solche Dinge vorgehen. Aber ansonsten würde ich die sozialen Netzwerke nicht verdammen: Sie müssen Verantwortung für die Lösung justiziabler Inhalte übernehmen, aber auch wir müssen uns in der digitalen Öffentlichkeit zur Wehr setzen und nicht so tun, also ginge und Hass und rechte Gesinnung im Netz nichts an.

42: Es ist also eine Sache der Gesellschaft, diese Probleme zu lösen – nicht der Unternehmen?

CT: Natürlich. Ich sehe Unternehmen selbstverständlich in der Pflicht, illegale Äußerungen, zum Beispiel Todesdrohungen oder Mordanschlagsdrohungen, zu löschen. Dass viele Unternehmen gegen so etwas nicht konsequenter vorgehen, ist wirklich ein Unding. Trotzdem muss Facebook nicht den Aufpasser über unseren politischen Diskurs spielen.

42: Wir haben bislang viel über die Mediennutzung von Terroristen gesprochen. Jetzt einmal umgekehrt gefragt: Was fällt Ihnen auf, wenn Sie die Darstellung von Terrorismus in den Medien betrachten?

CT: Was mich bei den Traditionsmedien stört, sind die unzähligen Terrorismus-Experten, die hier auftreten. Damit wird das Ganze sofort „geframed“, also in einen bestimmten Kontext gesetzt, und folglich auf eine bestimmte Art und Weise bewertet. Ich finde das ausgesprochen problematisch, da dadurch eine hysterische Grundstimmung erzeugt werden kann. Nehmen wir zum Beispiel das Attentat auf den Bus des BVB – nicht nur im Netz war das zunächst ein terroristischer Anschlag. Hier wurde ja glücklicherweise sehr schnell der wahre, wirklich aberwitzige Hintergrund herausgefunden. Man sollte gerade in den digitalen Medien keine Falschinformationen verbreiten, da sie massenhaft und häufig verfälscht weitergeleitet werden: Das erzeugt Angst und führt dann zu Reaktionen wie beim dem Attentat in München.

Wir sind ein funktionierender Rechtsstaat, wir haben eine gut ausgerüstete Polizei. Natürlich gibt es Bereiche, in denen nachgebessert werden muss, aber Katastrophengeschichten entsprechen nun einmal auch nicht der Wirklichkeit. Die Umfragen zeigen: Die Menschen fühlen sich sicher in Deutschland, trotz Berlin, trotz Ansbach, trotz Dortmund.

42: Was halten Sie aktuell für besonders problematisch?

CT: Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) befördert die Hysterie weiter. Zum Beispiel mit dem Begriff „Merkels Tote“. Je mehr man als Medium auf diese negativen, extrem hasserfüllten, abfälligen Dinge rekurriert, desto diskursfähiger werden sie. Das hat das Beispiel Trump gezeigt. Inhaltsanalysen, die untersuchen, wie häufig diese Themen besprochen werden, machen deutlich, dass durch so etwas Agenda Setting betrieben wird. Das ist absolut problematisch. Aber dem sind sich – das ist zumindest mein persönlicher Eindruck – die deutschen Qualitätsmedien bewusst. Sie bleiben sachlich, übertreiben nicht. Zum Beispiel nach dem Anschlag in Berlin: Hier gingen die Medien lange sehr vorsichtig mit Schuldzuschreibungen um. Es wurde erst von einem Anschlag gesprochen, als sich diese Vermutung bestätigte.

42: Wie sollte man Ihrer Ansicht nach über Terrorismus berichten?

CT: Sachlich, gut recherchiert und möglichst unaufgeregt. Wie gesagt – Terrorismusexperten stehe ich kritisch gegenüber. Man sollte die Bevölkerung einbeziehen, richtig informieren, aber keine Hysterie verbreiten.

42: Und wie berichtet man über die Terroristen? Wieviel Platz räumt man ihnen ein?

CT: Je weniger mediale Aufmerksamkeit sie bekommen, desto besser. Es müssen keine Enthauptungsvideos gezeigt werden, keine Bekennervideos. Wir wissen, dass es sie gibt und sie werden polizeilich verwertet, aber das sollte alles sein. Beizutragen diese Leute zu Medienhelden zu machen, wie anfangs geschehen – beispielsweise durch die häufige Einblendung von Schnitten aus den Enthauptungsvideos – das ist ein riesiger Fehler. Das wird nicht mehr gemacht, da sind die deutschen Medien inzwischen viel besser unterwegs.

42: Frau Professor Dr. Thimm, vielen Dank für dieses Interview.

 

Interview: Eliana Berger

Foto: Lena Kronenbürger

 

Prof. Dr. Caja Thimm
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn