Vol. 1: Terrorism

Die Psychologie des Terrorismus

„Im Licht einer bestimmten Ideologie handeln Terroristen konsequent und durchaus rational.”

Prof. Dr. Rainer Banse & Michaela Sonnicksen, M. Sc., Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

42: Frau Sonnicksen, Herr Prof. Dr. Banse – wie ist Terrorismus in der Psychologie definiert?

Michaela Sonnicksen: Es gibt keine einheitliche Definition, wie auch in anderen Disziplinen. Terrorismus ist das Endprodukt eines Radikalisierungsprozesses. Menschen, die sich radikalisieren, durchlaufen einen Prozess, nicht alle schaffen es bis zum Ende. Viele sind radikal, ohne zu Terroristen zu werden. Dazu werden Gruppen gezählt, die durch Aktionen anderen stark körperlich schaden möchten. Der Terrorismus setzt allerdings auf die psychischen Folgen der Gewaltanwendung, auf die Angst, nicht auf die körperlichen Folgen.Tyrannenmorde, Staatsstreiche, oder Guerillaaktionen werden allerdings ausgenommen. Die haben ein ganz klares Ziel: Vom Feind befreite Zonen zu schaffen. Terroristen haben das Ziel Angst zu schüren. Außerdem: Der Terrorist des einen, ist der Freiheitskämpfer des anderen.

42: Und warum wird jemand zum Terroristen?

MS: Die Motivation kann ganz unterschiedlich sein. Es gibt aber bestimmte Faktoren, die Terroristen gemein haben: Zum Beispiel bekommen sie durch den Zutritt zu einer radikalen Gruppe ein Zugehörigkeitsgefühl, bauen neue Identitäten auf, bekommen positives Feedback. Außerdem haben sie oft das Gefühl, dass ihre eigene Gruppe benachteiligt ist. Das möchten sie ändern.

42: Sie sagten anfangs, Terrorismus sei das Endprodukt eines Radikalisierungsprozesses. Wie läuft dieser Prozess ab?

MS: Es gibt verschiedene Modelle, aber grundsätzlich verläuft der Radikalisierungsprozess in Stufen. Man wird nicht von jetzt auf gleich zum Terroristen. In den meisten Fällen entscheidet man sich auch nicht dafür. Es beginnt mit einem Gefühl der Benachteiligung, dem Gedanken, dass die eigene Gruppe keine Chance hat, sich anders aus ihrer Position heraus zu bewegen. In der nächsten Stufe macht man andere Gruppen für diesen Zustand verantwortlich, entwickelt ihnen gegenüber Aggressionen. Dann wird man von radikalen Kreisen eingefangen und moralisch in die schwarz-weiß Weltsicht eingebunden.  

Rainer Banse: Im Weiteren wird die Kommunikation zu anderen durch die Organisation unterbunden und auf den eigenen Zirkel beschränkt. Gegenargumente – wie zum Beispiel, dass auch andere Menschen human sind – werden so abgeschirmt. Der Prozess der Radikalisierung wird strategisch genutzt, bis man die Mitglieder soweit hat, dass sie sich einen Sprengstoffgürtel umschnallen und losgehen. Das wiederstrebt uns eigentlich, Menschen wollen das nicht tun. Es passiert nicht spontan.

MS: Richtig. Wenn sie dann aber soweit sind, der Prozess abgeschlossen ist, ist alles was folgt, eine Verbesserung. Das Märtyrertum und Heldentum ist mit positiven Gefühlen verbunden. Den Tod zu wählen, wird als altruistisch empfunden.

42: Gibt es Persönlichkeitseigenschaften, die das begünstigen – etwa, überspitzt gesagt, ein Terroristen-Gen?

MS: Nein. Untersuchungen haben gezeigt, dass Terroristen eine Sache gemein haben: Sie sind ziemlich normal. Es gibt keine psychologischen Auffälligkeiten oder Erkrankungen. Keine Persönlichkeitseigenschaften, die vermehrt auftreten. Auch der Missbrauch von Substanzen ist eher ungewöhnlich. Sie sind meist auch nicht suizidal, obwohl das oft erwartet wird. Wie gesagt, sie glauben daran, dass der Tod eine Verbesserung bringt.

42: Durch die Medien hören wir fast ausschließlich von jungen Männern, die sich radikalisieren.

MS: Das stimmt. Häufig sind es tatsächlich junge Männer, zwischen 20 und 30 Jahren, aber nicht nur. In manchen Organisationen, besonders beim islamistischen Terror, finden sich überwiegend Männer, aber bei weitem nicht überall. In der PKK, der Arbeiterpartei Kurdistans in der Türkei beispielsweise, sind der Frauen- und Männeranteil in etwa gleich hoch. Allerdings handelt es sich hierbei um eine politische, und nicht um eine religiös motivierte Organisation.

42: Im Kontext der Prävention wird diskutiert, ob höhere Bildungsstandards Radikalisierung verhindern. Man ist sich aber uneinig. Spielt ein niedriger Bildungsstand überhaupt eine Rolle?

MS: Nein, das ist nicht der Fall. In manchen Herkunftsgruppen haben sie sogar einen vergleichsweise guten Bildungsstand. 

42: Extrem formuliert könnte also aus jedem von uns ein Terrorist werden. Gibt es Präventionsmaßnahmen um zu verhindern, dass Menschen von Terrornetzwerken radikalisiert werden?

MS: Auf der einen Seite muss man die individuellen Faktoren kennen, die die Person dazu bewegen, sich zu radikalisieren. Kennt man die nicht, ist es schwierig. Es gibt keine Lösung, die sich auf alle möglichen Gruppen anwenden lässt, und auch noch funktioniert. Prävention kann daher nur in Einzelfällen geleistet werden.

RB: Hier ist die auch die Frage, was man unter einem Terrornetzwerk versteht. Im Moment steht der islamistische Terror im Vordergrund. Bekannt sind Organisationen wie al-Qaida, oder der IS. Beide rekrutieren terroristischen Nachwuchs systematisch und gezielt. Insofern gibt es da eine Struktur, mit der man sich beschäftigen sollte: Wenn man versteht, wie sie Kandidaten für Selbstmordattentate finden und rekrutieren, und dann noch radikalisieren, dann hat man auch einen Hebel für die Prävention, denn da kann man aktiv eingreifen.

42: Terrorismus hat nicht nur Konsequenzen für die Täter, sondern auch für die Opfer. Wir alle haben Angst vor Terroranschlägen. Wir haben Angst, dass uns, unseren Angehörigen, oder Freunden etwas passiert. Können Sie uns diese Angst erklären?

RB: Die Psychologie definiert je nach Theorie die Begriffe von „Angst“ und „Furcht“. Gängig ist eine Unterscheidung zwischen einer Art neurotischen Angst, die unbegründet und irrational ist, im Gegensatz zu realer Angst, die man haben sollte, um die eigene Sicherheit nicht zu gefährden. Schon Freud hat diese Unterscheidung gemacht. In der Praxis sind die Grenzen aber fließend. Gerade im Bereich des Terrorismus ist das relevant. Es ist das Ziel des Terroristen Angst zu verbreiten, diffus wie real. Das trägt der Name „Terror“ bereits in sich. In aller Regel gelingt das auch sehr gut. In dem man sehr wenige Menschen tötet, dafür aber grafisch und zufällig handelt, lässt sich eine ganze Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen.

 42: Welche Rolle spielen die Medien bei der Verbreitung der Angst als Übermittler der Nachrichten?

RB: Hier liegt eine Art Symbiose vor, zwischen den Medien, die sich darauf stürzen, und den Terroristen, die die nötige Aufmerksamkeit bekommen, um wirksam zu sein. Eine ungünstige Entwicklung in unserer Medienlandschaft. Im Grunde machen die Medien das Geschäft der Terroristen mit, weil sie als Hebel dienen, um den Schrecken, den Terroristen verbreiten wollen, auch wirksam zu verbreiten.

42: Helfen wir also Terroristen ihre Ziele zu erreichen, wenn wir Medien konsumieren, und damit unserer Sensationslust nachgeben?

RB: Die Konsumenten von Medien haben ein legitimes Bedürfnis sich zu informieren. Emotionale Inhalte sind grundsätzlich interessanter. Mordfälle werden ausführlich in der Presse beleuchtet, genau wie persönliche Schicksale. Das interessiert Menschen einfach. Aber gerade im Bezug auf Terrorismus, wo Angst und Schrecken zu verbreiten zur Agenda gehören, müssen die Medien sich fragen, wie sie damit umgehen wollen, einerseits das legitime Informationsinteresse von Lesern und Hörern zu befriedigen, andererseits aber möglichst nicht das Geschäft von Terroristen zu betreiben. Das ist eine schmale Gratwanderung.

42: Zurückhaltung der Presse ist nicht alltäglich. Gab es Situationen, in denen das gelungen ist?

RB: Ja. Beim Attentat von Breivik 2011 in Norwegen beispielsweise hat die Presse wenigstens versucht, sich zurückzuhalten, und dem Täter nicht wochenlang die Titelseiten aller Zeitungen zu widmen. Obwohl das nur begrenzt gelungen ist, war es das erste Mal, dass die Medien sich selbstkritisch reflektiert, und dementsprechend gehandelt haben. Dieser Weg sollte in Zukunft stärker verfolgt werden. Zudem steht es den Konsumenten frei, differenzierte Blätter zu lesen. Das ist dann einfach eine Kaufentscheidung. Die Medien sehe ich hier aber mehr in der Verantwortung.

42: Ist das Thema Terrorismus in den Medien überrepräsentiert?

RB: Schon. Und es wird zu stark emotionalisiert. Das spiegelt sich auch in der Empörungskultur, die wir inzwischen haben. Wenn etwas passiert, dann ist das ein Skandal, und es braucht jemanden, den man verantwortlich machen kann. In Berlin zum Beispiel fragen Journalisten jetzt, warum der Weihnachtsmarkt nicht mit Absperrungen gesichert war. Diese Empörungsmaschine, die Suche nach einem Schuldigen, der bestraft oder zur Verantwortung gezogen werden kann: Das ist derzeit überzogen. Furchtbar ist auch: Kaum passiert ein Anschlag, gehen Brennpunkte auf Sendung. Da kann man nichts berichten, weil man noch nichts weiß. Da sieht man dann hilflose Journalisten, nahe am Tatort, die stundenlang erzählen, dass sie nichts wissen. Das ist eine Fehlentwicklung, die im Übrigen mit dem Golfkrieg begonnen hat. CNN hat in den 1990ern pausenlos berichtet, obwohl es nichts zu berichten gab. Insbesondere das Fernsehen spielt da eine unrühmliche Rolle. Bei dem Versuch in Echtzeit zu berichten wird nur heiße Luft bewegt, und die Leute geraten in Aufregung. Geduld und mehr Recherche wären eigentlich angemessen.

42: Mal abgesehen von dem Lärm in den Medien – halten Sie die Angst vor Terroranschlägen für irrational?

RB: Das ist schwer zu beantworten. Die Opfer in Berlin hätten Grund gehabt, Angst zu haben. Es ist aber wichtig, rational die Relation zu behalten. Die Anzahl an Menschen, die in den letzten Jahren bei Terroranschlägen umgekommen sind, ist sehr gering. Trotzdem ergreifen Gesellschaften Maßnahmen wie die totale Überwachung der Medien, des Internet, des Telefonverkehrs, um die Gefahr abzuwehren. Verglichen mit anderen natürlichen Arten zu sterben, ist die statistische Gefahr, bei einem Terroranschlag zu sterben, einfach sehr klein.

42: Wenn wir statistisch gesehen kaum in Gefahr sind, wie können wir uns gegen die Angst wehren, die wir fühlen?

RB: Wenn man in einer Menschenansammlung Angst hat oder nach einem Anschlag einen Weihnachtsmarkt besuchen möchte, lohnt es, sich zu vergegenwärtigen, dass die Wahrscheinlichkeit Opfer eines Terroranschlags zu werden gering ist, verglichen mit der Wahrscheinlichkeit auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt überfahren zu werden. Diese Gefahr ist erheblich größer. Das muss man sich klarmachen.

42: Tatsächlich?

RB: Es gibt ein berühmtes Beispiel: Nach 9/11 haben viele Amerikaner aus Angst vor einer Flugzeugentführung das Auto genommen. Viele tausende Menschen sind dabei tödlich verunglückt. Die Opferanzahl, die der Anschlag auf das World Trade Center gefordert hat, hatte durch die Nachfolgen des Anschlags einen noch viel größeren Impact, weil Menschen angefangen haben sich irrational zu verhalten und in dem Versuch vor der vermeintlichen Gefahr zu fliehen tatsächlich eine viel größere Gefahr auf sich genommen haben.

 42: Sie haben eben angesprochen, dass ganz „normale“ Leute zu Terroristen werden. Nun haben wir festgestellt: Wir reagieren irrational auf Terroranschläge. Wie steht es um die Vorgehensweise von Terroristen? Handeln sie, im Gegensatz zu uns, rational?

MS: Ja, tatsächlich. Es ist erstaunlich leicht Menschen zu extremen Taten zu bewegen. Das sieht man auch im Autoritätsgehorsam. Sie haben ein klares Ziel vor Augen, das sie möglichst effektiv durchsetzen – zum Beispiel möglichst viele Opfer zu fordern. Das ist in ihrem Fall rationales Handeln.

42: Wir empfinden es also bloß nicht als rational?

MS: Genau. Es gibt bestimmte Denkmuster, die sich im Zuge der Radikalisierung herausbilden. Zum Beispiel wird die Weltsicht zunehmend dichotom, also schwarz-weiß. Unsere Gruppe ist gut, die andere ist böse, und muss deswegen um jeden Preis bekämpft werden. Damit ein Terrorist möglichst viele Menschen töten kann, gibt es zudem verschiedene Strategien, wie zum Beispiel die Opfer in Gedanken zu entmenschlichen um damit ihr Leid gar nicht erst als solches wahrzunehmen. Diese Prozesse machen es Terroristen erst möglich solche furchtbaren Taten zu begehen.

RB: Außerdem hat jede Art von Terrorismus einen ideologischen Überbau: eine Art, die Welt zu konstruieren. Die linksextremistische Rote Armee Fraktion, kurz RAF, hat damals den Kapitalismus als Feindbild gesehen und sich zum Anwalt der unterdrückten Werktätigen gemacht. Die Sicht war aber extrem und die Werktätigen haben dem gar nicht zugestimmt. Hat man so eine Weltsicht erst entwickelt, dann ist alles Weitere rational und legitim. Der Prozess, Menschen zu Terroristen zu machen, konzentriert sich hauptsächlich darauf, eine solche Ideologie aufzubauen. Diese erlaubt und ermöglicht extremes Handeln erst. Der Prozess wird von Demagogen bewusst und strategisch inszeniert. Im Licht einer bestimmten Ideologie, vorausgesetzt sie ist akzeptiert, handeln Terroristen also konsequent und durchaus rational.

42: Demnach ähneln sich Terroristen auch wenn sie verschiedene Ideologien verfolgen?

MS: Das ist eine interessante Frage, zu der es derzeit aber zu wenig Forschung gibt. Interessant ist, dass Ideologien verfolgt werden und dass jedes Mittel zum Umsetzten der jeweiligen Ziele legitim ist. Das ist grundsätzlich gleich. Weitere Parallelen sind derzeit leider kaum erforscht.

RB: Genau das wollen wir aber gemeinsam erforschen: Speziell die psychologischen Faktoren, die Menschen dazu bewegen, terroristische Taten zu begehen. Unsere Forschung beschränkt sich auch nicht auf den islamistischen Terror, sondern untersucht die verschiedenen Spielarten des Terrorismus. Derzeit ist die Forschung vor allem soziologisch ausgerichtet, beschränkt sich also auf gesellschaftliche Randbedingungen. Die psychologischen Gemeinsamkeiten der verschiedenen terroristischen Bewegungen herauszuarbeiten, ist unser Ziel. Das ist vorerst nur in Ansätzen erforscht.

42: Die Ethikforscherin Judith Butler fordert, dass alle Opfer gleichermaßen betrauert werden sollten.

MS: Sie meinen, dass einzelne Personen alle Opfer betrauern sollen?

42: Genau. Ist das psychologisch zu leisten?

MS: Das wäre ein hoher emotionaler Aufwand.

RB: Und es ist eine sehr humanistische Perspektive. Dahinter steht sicher der Versuch die Menschheit als eine Ingroup zu konstruieren, dem Denken in „wir“ und „die anderen“ entgegenzuwirken. Das ist ein lobenswerter Ansatz. Er widerspricht aber unserer Tendenz uns mehr für die Menschen zu interessieren, die uns nah sind. Für Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben, empfinden wir weniger Mitleid, weniger Empathie. Aus rationaler Sicht wäre es schön, wenn wir alle Menschen als gleichwertig empfinden könnten.

42: Denken Sie, dass das nicht möglich ist?  

RB: Sagen wir es so: Die Kirchen versuchen es. Die Rhetorik ist, dass wir eine große Familie sind, Brüder und Schwestern, also verwandt. Das ist der Versuch den menschlichen Impuls Familienangehörige zu unterstützen, zumindest auf die eigene Glaubensgemeinschaft auszuweiten. Führt man das ins Extreme, und bezieht es auf die ganze Welt, dann wäre das das Ende aller Rassenvorurteile, aller Diskriminierung, sowas wie eine humane Lebenswirklichkeit, die künstliche Unterschiede nicht mehr kennt. Ich sage nicht, dass es unmöglich ist. Aber eben sehr schwierig.

42: Angenommen wir hätten diese Lebenswirklichkeit, gäbe es dann noch Terrorismus?

RB: Nein. Terrorismus ohne Außengruppe, die man bekämpfen kann, existiert nicht.

42: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Interview: Lara v. Richthofen

Foto: Eva-Lotte Hill

 

Prof. Dr. Rainer Banse

M. Sc. Michaela Sonnicksen