Vol. 1: Terrorism

Terrorismus und Security Studies

“Wenn man sich also die Frage stellt, ob der ‘War on Terror’ gewonnen werden kann, dann muss man diese Frage klar mit Nein beantworten.”

Prof. Dr. Julian Wucherpfennig, Hertie School of Governance

42: Herr Dr. Wucherpfennig – wenn wir heute über Terrorismus sprechen denken wir, aufgrund der Anschläge in den vergangenen Monaten, oft an den islamistischen Terror. Steht diese Wahrnehmung aus einer wissenschaftlichen Perspektive in Relation zu dem tatsächlichen Ausmaß der Gefahr?

Julian Wucherpfennig: Nein, diese Wahrnehmung steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung. In zweierlei Hinsicht: Zum einen ist die objektive Bedrohung, die vom Terrorismus in Westeuropa ausgeht, minimal. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, in der eigenen Badewanne zu ertrinken, vom Blitz getroffen zu werden oder von umfallenden Möbeln erschlagen zu werden, als durch einen Terroranschlag umzukommen. Zweitens ist diese minimale Gefahr in keinster Weise höher als in der Vergangenheit. Terrorismus gab es in Westeuropa im größeren Ausmaß schon seit den 1960er und 70er Jahren zum Beispiel durch die Rote Armee Fraktion in Deutschland, die Euskadi Ta Askatasuna in Spanien, oder die Irish Republican Army in Irland. Die Annahme, es gäbe in den vergangenen Jahren vermehrt oder neuartig Terrorismus, ist also grundlegend falsch. Wenn man sich die Statistiken für Westeuropa anschaut, dann ist die Zahl der Terrorismusopfer in den 1980er Jahren bei weitem höher als die der vergangenen Jahre. Der islamistische Terror ist aber in der jüngeren Vergangenheit zumindest in Westeuropa relativ neu. Er kam aber in keinem signifikanten Ausmaß durch Nicht-EU-Bürger zustande – 94 Prozent aller Attentäter hatten einen europäischen Pass. Es gibt also keine stringenten Belege, dass Flüchtlinge zu einem höheren Terrorismusrisiko führen. Wenn überhaupt, dann findet eine Bewegung in die andere Richtung statt: EU-Bürger reisen in Länder, aus denen auch Flüchtlingsströme kommen, um sich dort ausbilden zu lassen und dann mit Anschlagsplänen zurückzukommen. Gleichzeitig entstand übrigens auch ein Terrorismus, der sich gegen Muslime richtet. Dieser rechtsradikale Terrorismus wird aber oft vernachlässigt.

42: Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung vor allem mit spieltheoretischen und statistischen Erklärungsmodellen. Dabei werden Handlungsoptionen von Akteuren aufgrund ihres rationalen Kosten-Nutzen-Kalküls ausgewählt. Inwiefern lässt sich der spieltheoretische Ansatz auch auf den internationalen Terrorismus übertragen?

JW: Da gibt es sehr gute Ansätze, aus denen man eindeutige Schlüsse ziehen kann. Grundsätzlich ist es so, dass Terrorismus als Form von politischer Gewalt eines der asymmetrischsten Mittel ist; das heißt, dass es prinzipiell von schwachen Akteuren ausgeht und sich gegen sehr viel stärkere Akteure, zum Beispiel Staaten, richtet. Man muss dabei zwischen verschiedenen Strategien des Terrorismus unterscheiden. Für den internationalen Terrorismus sind in erster Linie zwei Strategien wichtig: Die Strategie der Provokation und die Strategie der Zermürbung. Bei der Provokation ist die Logik die, dass kleine oder schwache Gruppen Anschläge gegen größere Ziele, zum Beispiel Staaten verüben, in der Hoffnung, dass darauf eine unverhältnismäßige Reaktion folgt, die in keinem Verhältnis zu den eigentlichen Anschlägen steht. Durch diese Unverhältnismäßigkeit der Vergeltung kommen Zivilisten zu Schaden und das Stimmungsbild gegenüber dem zurückschlagenden Staat wendet sich und spielt der terroristischen Gruppe in die Hände. Das klassische Beispiel dafür sind Al-Qaida und die Anschläge vom 11. September, bei denen der nachfolgende „War on Terror“ die Bevölkerung in zahlreichen Staaten gegenüber den USA und dem Westen aufgebracht und damit indirekt zu Sympathien für die Terroristen geführt hat. Al-Qaida hat darüber an Stärke und Einfluss gewonnen. Über die zweite Strategie – Zermürbung – haben sie es dann geschafft, die USA und ihre Partner in langwierige Konflikte zu verwickeln, die im Grunde nicht zu gewinnen sind. Wenn man sich also die Frage stellt, ob der „War on Terror“ gewonnen werden kann, dann muss man diese Frage klar mit Nein beantworten.

42: Sich Terroristen als rationale Akteure vorzustellen widerstrebt uns oft. Warum eigentlich? Und wie kann die Rolle von Ideologie im rationalistischen Kontext verstanden werden, wo Kosten-Nutzen-Abwägungen entscheidend sind?

JW: Vielleicht kann man das an dem Extrembeispiel des Selbstmordattentats klarmachen. Diese Maßnahme erscheint Vielen als völlig absurd und nicht rational. Wenn man aber bedenkt, dass zum Beispiel eine Organisation wie die Hamas, eine sunnitisch-islamistische Palästinenser Organisation, den Familien oder Hinterbliebenen von Selbstmordattentätern eine lebenslange Rente und ein Aufkommen garantiert, dann ist es für einen Altruisten, der für das Wohl seiner Familie sorgen kann, eine durchaus plausible Wahl. Aus der Sicht eines Altruisten lässt sich so eine extreme Maßnahme rational verstehen. Eine andere Erklärung sind Erwartungen an das, was nach dem Tod kommt. Wenn Attentäter glauben, dass das Leben nach dem Tod als Märtyrer besondere Reize bereithält, wie zum Beispiel 72 Jungfrauen, dann kann das durchaus attraktiv sein. Der Anstieg von Selbstmordattentaten kann aber am besten als eine rationale Lernerfahrung verstanden werden, die gezeigt hat, dass dies ein effektives Mittel zum Zweck ist. Gruppen, die Selbstmordattentate verüben, waren eher erfolgreich darin ihre Ziele zu erreichen. Dementsprechend greifen dann auch andere Gruppen darauf zurück. Selbstmordterrorismus ist aber in keiner Weise direkt verbunden mit dem Islam, es ist eine religions- und ideologieübergreifende Taktik. So begingen im Zweiten Weltkrieg zum Beispiel viele japanische Kamikaze Selbstmordattentate und jahrelang war die führende Gruppe der Selbstmordterroristen die „Tamil Tigers“ in Sri Lanka, die zu den krisenreichsten Zeitpunkten marxistisch orientiert war. Es gibt also keinen Link zum Islam.

42: Die Entgrenzung, die wir durch die Globalisierung erleben, spiegelt sich auch in den Mitteln und Wegen des gegenwärtigen Terrorismus wider. Man muss nicht mehr am selben Ort sein, um miteinander sprechen und Wissen weitergeben zu können. Home-grown Terrorism ist heute eine der größten Sorgen Europas und der USA in dem Zusammenhang. Verändert das die Betrachtungsmöglichkeiten des spieltheoretischen Ansatzes? Schafft oder verändert es Handlungsoptionen, etwa in dem es Kosten senkt?

JW: Ich würde sagen, dass der grundlegende Einfluss von neuen Technologien auf Terrorismus nicht unbedingt eindeutig ist. Natürlich ist es zum einen so, dass Kosten niedriger sind, dass man sich besser organisieren kann und Kommunikation vereinfacht wird. Zum anderen ist es aber auch so, dass dieselben Kanäle auch in der Terrorismusbekämpfung verwendet werden können, sodass der Netto-Effekt nicht eindeutig ist.

 42: Es ist also kein einseitiger Vorteil?

JW: Nein, denn die fundamentale Logik des Terrorismus ist dadurch eigentlich nicht in Frage gestellt, denn an den grundlegenden Mechanismen und Kalkülen ändert es nicht wirklich etwas.

42: Das spannt an dieser Stelle den Bogen zur Terrorismusbekämpfung. Zur Spieltheorie gehören ja immer beide Seiten; im Fall des internationalen Terrorismus ist das die Terrorismusbekämpfung. Wie würden Sie hier die Herausforderungen und Schwierigkeiten vor dem spieltheoretischen Hintergrund beschreiben?

JW: Grundsätzlich ist Terrorismusbekämpfung schwierig und muss mit Sicherheit multidimensional gedacht werden. Aber auch hier sollte man sich wieder Gedanken darüber machen, wie groß das eigentliche Risiko ist, das man bekämpft, im Verhältnis zu den dafür aufgebrachten Mitteln. Es gibt zum Beispiel Studien, die zeigen, dass wenn man den U.S.-Ausgaben für Terrorismusbekämpfung einen Nutzen entgegenstellen würde, eigentlich alle paar Monate ein Anschlag von der Größe des 11. Septembers passieren müsste, damit sich diese Ausgaben rentieren. Warum das wichtig ist? Weil Kosten, die für Terrorismusbekämpfung ausgegeben werden, nicht für die wirklich großen Risiken, die die Bevölkerung treffen, beispielsweise im Gesundheitsbereich, aufgewendet werden können. Aus spieltheoretischer Sicht und der Strategie der Provokation lernen wir, dass es extrem wichtig ist, Terroristen selektiv zu bekämpfen und zivile Opfer zu vermeiden. Aus dieser Perspektive sind auch Drohnen nicht unbedingt ein geeignetes Mittel im Kampf gegen Terroristen. Man kann mit ihnen nur begrenzt genau einzelne Individuen ausschalten, nämlich immer nur in einem gewissen Umkreis, das heißt auch unbeteiligte Zivilisten können zu Schaden kommen. Dadurch werde Ressentiments gesteigert.

42: …wodurch das terroristische Kalkül aufgeht?

JW: Genau.

42: Was wäre Ihr Ratschlag an europäische Regierungen, die sich momentan mit diesem erhöhten Sicherheitsbedürfnis der Bürger konfrontiert sehen und dabei auch Aufwind von rechts verspüren?

JW: Mein Rat wäre sicherlich den Terroristen nicht in die Hände zu spielen, in dem man das objektive Risiko subjektiv aufbauscht. Denn das ist im Grunde genau das, was Terroristen wollen. Statt in Panik zu verfallen, sollte man durch selektive, effektive Mechanismen versuchen, das Problem in den Griff zu bekommen, allerdings immer im Verhältnis zu den objektiven Risiken, die eben sehr klein sind. Das Problem von Terrorismusbekämpfung durch die Politik wird verkompliziert durch die Tatsache, dass es für Politiker immer schlecht ist, wenn sie sich im seltenen Fall eines Anschlags dem Vorwurf ausgesetzt sehen, sie hätten nicht genug Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Stattdessen ist es für sie besser, wenn sie viele sichtbare Maßnahmen ergreifen, mit denen sie sich rühmen können, obwohl das Risiko im Endeffekt von vornherein relativ klein ist. Die Anreizstruktur ist für Politiker also klar so aufgestellt, dass sie Anreize haben das Risiko des Terrorismus zu überschätzen und bei ihren Reaktionen zu übertreiben.

42: Danke für das Gespräch.

 

Interview: Tabea Breternitz

Foto: Felix_Broennimann/Pixabay

 

Prof. Dr. Julian Wucherpfennig
Hertie School of Governance