Vol. 1: Terrorism

Terrorismus und die westliche Gesellschaft

„Wir brauchen eine Veränderung der sozialen Umgebung.“

Prof. Dr. Frank Furedi, University of Kent

42: Herr Prof. Dr. Furedi – würden Sie als Soziologe “Terrorismus” nach dem 11. September anders definieren als davor?

Frank Furedi: Das würde ich nicht. Ich finde, Terrorismus zu definieren ist immer problematisch, da es schwierig ist, Terrorismus von anderen Arten politischer Gewalt zu differenzieren. Ich lehne es ab, den 11. September als großes, herausragendes Ereignis zu sehen. Doch der Anschlag hatte definitiv eine Auswirkung auf die ganze Welt. Wir fühlen uns unsicher. Ganz allgemein gesagt ist das erste Ziel des Terrorismus, Angst und Schrecken zu verbreiten – und das nicht nur bei den direkten Todesopfern, sondern in der gesamten Gesellschaft. Diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Zweitens will Terrorismus eine Reaktion der Gesellschaft provozieren. Das ist sogar noch wichtiger als der Terrorakt selbst. Dem müssen sich die Leute bewusst werden.Aber diese Faktoren und Elemente sind heute ebenso wichtig wie zu jedem Zeitpunkt in der Vergangenheit – auch schon vor dem 11. September.

42: Welches Gefühl, denken Sie, überwiegt nach einem Terroranschlag in der westlichen Gesellschaft?

FF: Vor drei Jahren habe ich bei einem Forschungsprojekt mitgearbeitet, bei dem herauskam, dass Terrorismus die einzige Bedrohung ist, vor der Regierungen mehr Angst haben als ihre Bürger. Bei anderen Bedrohungen, wie herkömmlicher Kriminalität oder Immigration, machen sich Bürger mehr Sorgen als Regierungen. Ich denke, dass die meisten Menschen nicht besonders wegen Terrorismus besorgt sind. Zumindest haben sie weniger Sorgen, als man erwarten würde, wenn man die Zeitung aufschlägt. Der einzige Zeitpunkt, zu dem weitgreifende Angst herrscht, ist direkt nach einem terroristischen Anschlag.

42: Inwieweit ist Sensationslust Teil dieser weitgreifenden Angst?

FF: Wenn man einen Blick auf die letzten 150 Jahre wirft, findet man deutlich weniger Sensationsgier als man denkt. Obwohl vor allem in der Popkultur und im Hollywood-Kino hin und wieder Terrorismus als die große Gefahr dargestellt wird, wurde doch im Allgemeinen versucht, die Sensationslust relativ gering zu halten. Es ist interessant zu beobachten, dass es nach terroristischen Vorfällen in Europa eine gewisse Zurückhaltung bezüglich der Schuldzuweisung gibt. Die Leute vermeiden es, direkt aggressiv zu werden. Es gibt fast schon einen Wunsch zu verschweigen, wer letztendlich verantwortlich ist, da viele Leute gerade das Aufblühen und Bekräftigen der Furcht vermeiden wollen.

42: Wie sind verschiedene westliche Gesellschaften mit den Folgen von Terroranschlägen umgegangen?

FF: Es gibt eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Vorgehensweisen der verschiedenen Gesellschaften. Vor allem da sich die meisten westlichen Gesellschaften kulturell ziemlich ähnlich sind. Es gibt höchstens kleinere Unterschiede in der Art und Weise, wie die Polizei oder bestimmte Bedrohungen wahrgenommen werden. Dennoch gehen manche Gesellschaften geschickter mit dem Problem um als andere – Belgien zum Beispiel hatte Probleme mit Amokläufen. Die belgische Regierung hat ziemlich überreagiert, was zu Verwirrung geführt hat. Sie haben zum Beispiel aus lauter Panik ganze Fußballspiele abgesagt. England andererseits reagierte nach den Londoner Bombenanschlägen im Juli 2007 deutlich effektiver. Englands Reaktion ist ein Paradebeispiel dafür, dass ein solcher Vorfall nicht zwangsläufig den Alltag beeinflussen muss. Es gibt kleinere Unterschiede, aber im Großen und Ganzen wird versucht, mit den Auswirkungen eines Terrorangriffs gezielt umzugehen und so schnell wie möglich normal weiterzuleben – zumindest nach außen. Das ist die allgemeine Wahrnehmung und keines der angegriffenen Länder hat zu stark überreagiert. Die ausartenden, anti-sozialen Reaktionen, die man vielleicht erwartet hatte, blieben aus.

42: Denken Sie, dass die Terrorangriffe die von den Terroristen gewünschte Auswirkung hatten? Haben sie die westlichen Gesellschaften verändert?

FF: Ich denke, dass sie große Auswirkungen auf Amerika hatten. Zumindest fallen die Anschläge mit dem Verlust der typisch amerikanischen Zuversicht aus, der nach dem Ende des Kalten Krieges begann. In diesem Moment haben die Amerikaner das sichere Bewusstsein verloren, welchen Feind sie bekämpfen müssen, was zu Unsicherheit führte. Amerika hatte schon zehn Jahre vor dem 11. September Angst, Ziel eines Terroranschlages zu werden. Terrorismus hat meiner Meinung nach das Sicherheitsgefühl der Amerikaner, das sie seit Ende des zweiten Weltkrieges ausgezeichnet hat, aufgelöst. Bereits existierende Nervosität wurde gesteigert. Aber der Terrorismus hat die Gesellschaft nicht grundlegend verändert. Er hat nur dazu beigetragen, dass die Politisierung von Angst nach dem 11. September einen noch größeren Stellenwert bekommen hat.

42: Aber denken Sie nicht, dass Sicherheitsmaßnahmen, wie zum Beispiel die Verbreitung von Überwachungskameras, die Gesellschaft verändert haben?

FF: Nun ja, man muss bedenken, dass die Videoüberwachung bereits vor dem 11. September stark zugenommen hatte, da sie als schnelle Lösung im Kampf gegen die Kriminalität gesehen wurde. Diese Herangehensweise hatte sich im Jahrzehnt davor bereits stark vermehrt und tut es auch heute noch. Die Bewegung hin zu Überwachung und technischen Hilfsmitteln war schon vor dem 11. September bemerkbar. Der 11. September hat dieser Bewegung neuen Schwung und mehr Ressourcen verschafft, aber das Weltbild der westlichen Welt nicht verändert.

42: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Trend nach Terroranschlägen zum Konservativen geht. Was sind Ihrer Meinung nach die entscheidenden Faktoren für diesen Wandel in der Politik?

FF: In der Tat, diesen Wandel gibt es, und er wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Einer davon ist das kontinuierliche Zerbröckeln der immer noch so genannten „Linken”. In ganz Europa wird die Linke zunehmend schwächer. Selbst Leute, die sich selbst als „links” beschreiben, haben Ansichten, die sich deutlich von klassischen linken Idealen unterscheiden. Gleichzeitig sieht man, dass sowohl der Einfluss von typischen konservativen als auch typisch liberalen Parteien nachlässt. Sie sind auf gewisse Weise auch vom Weg abgekommen. Was heute konservativ genannt wird, zum Beispiel Hollandes Reaktion nach den Angriffen in Paris, würde ich eher als eine technokratische Art von reaktionär-konservativem Impuls beschreiben, der zum Vorschein kam. So werden europäische Gesellschaften mittlerweile regiert. Aber Terrorismus ist nur ein Aspekt davon. Das Scheitern der Multikulturalität, die anhaltende Segregation der Gesellschaft und der Verlust nationaler Identität gehören auch dazu. Was heißt es Franzose oder Deutscher zu sein? Das sind Fragen, die niemand richtig beantworten kann. Und ich denke, dass all diese Dinge zusammen genommen solche technokratisch-oligarchischen Reaktionen hervorbringen. Wie es genau dazu kam ist sehr interessant, aber es gibt viele verschiedene Gründe, die die Gesellschaft alle in dieselbe Richtung bewegen.

42: Könnten Sie einige dieser Gründe für die Unsicherheit in Europa nennen?

FF: Das zentrale Problem ist, wie ich es nenne, die rasante Zunahme der kulturellen Ungewissheit. Dort, wo Nationen und Kulturen in Europa nicht wissen, wie sie ihre Erfahrungen deuten sollen, fragen sie sich: „Was ist meine Gesellschaft? Was definiert, wer wir sind?” Wenn die Stabilität fehlt, suchen Leute in allen Richtungen nach Antworten. Sie sind unsicher und fragen sich, was als nächstes passiert. In diesem Kontext macht der Terrorismus natürlich alles noch komplizierter, aber die kulturelle Ungewissheit geht ihm voraus und prägt die aktuelle europäische Situation.

42: Wie könnten Gesellschaften dieses Gefühl der Ungewissheit aktiv bekämpfen?

FF: Am wichtigsten ist es, dass die Gesellschaft dazu ermutigt wird, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen, statt passiv auf Lösungen durch die Regierung, die Polizei oder die Armee zu warten. Man muss sich darauf verlassen können, dass Menschen eine aktive Rolle in ihren eigenen Angelegenheiten spielen. Das ist wichtig. Meiner Meinung nach müssen wir Bildung und Diskussion in unserer Gesellschaft fördern. Beides hat in letzter Zeit stark eingebüßt. Allerdings denke ich auch, dass wir Vermächtnisse der Vergangenheit wieder aktiv nutzen sollten. Seit Beginn der Aufklärung gab es große Errungenschaften in der Politik. Die Demokratie zum Beispiel. Wir müssen all den Werten aus der Zeit der Aufklärung aktuelle Bedeutung verschaffen, statt sie nur als rhetorische Mittel zu gebrauchen. Es gibt viel, was man tun kann. Aber das allerwichtigste ist, nicht auf einen neuen 11. September zu warten, sondern das öffentliche Leben wieder aufzubauen, weiterzuentwickeln und es zweckbestimmter zu leben als bisher.

42: Also sollten wir statt ständig die heutige Situation mit vergangenen Ereignissen zu vergleichen, aus der Vergangenheit lernen, um unsere aktuellen Probleme im Hier und Jetzt entgegenzutreten?

FF: Ja, ich denke wir sollten im Hier und Jetzt bleiben, da die einzigen Probleme, die wir lösen können, die Probleme der Gegenwart sind. Dennoch gibt es Errungenschaften, Erkenntnisse und Erfahrungen, die wir gesammelt haben, die nicht in Vergessenheit geraten, sondern genutzt werden sollten. Wie ich schon sagte, ist es vor allem sehr wichtig, die Werte der Aufklärung in die Gegenwart zu bringen. Wir müssen verstehen, dass die Qualität unseres heutigen öffentlichen Lebens im historischen Vergleich sehr begrenzt ist. Es ist wichtig, dass man sich das bewusst macht. Nicht, weil wir wieder in der Vergangenheit leben wollen. Aber das öffentliche Leben war nicht immer so, wie es jetzt ist. Es gab mehr Möglichkeiten und einen fluiden, dynamischen Kontext.

42: Was meinen sie mit „fluider Kontext”?

FF: Es gibt Zeiten, in denen wird mit Ideen förmlich um sich geworfen. Zeiten, in denen Dinge nicht als festgesetzt angesehen werden, in denen Leute ihren Gedanken freien Lauf lassen, in denen eine echte Diskussions- und Debattierkultur herrscht, von der ein jeder etwas lernen kann, und mehr miteinander geredet wird. Meine größte Sorge in Hinsicht auf das öffentliche Leben und auch das Universitätsleben ist, dass sich viele Menschen so sehr isoliert haben, dass sie nur noch mit Leuten sprechen, die genauso sind wie sie selbst. Und wenn man nur mit Leuten wie sich selbst spricht, wird man niemals eigene Ideen entwickeln. Alles klingt wie ein Echo und man hört nur noch sich selbst. Was ausbleibt sind Unterhaltungen, von denen die Gesellschaft als Ganzes lernen könnte.

42: Viele Leute argumentieren allerdings, dass es sinnlos ist, mit rechtsradikalen Populisten oder Menschen mit ausländerfeindlichen Ansichten zu diskutieren …

FF: Das ist eine ziemlich pessimistische Ansicht. Die Logik dahinter besagt, dass Uneinigkeit automatisch das Ende einer Unterhaltung bedeutet. Dass nicht diskutiert werden kann. Manchmal ist es unmöglich, eine Konversation aufzubauen, aber das liegt daran, dass manche Leute nicht diskutieren wollen. Manchmal spricht man aber auch mit Leuten, die sehr festgesetzte Ansichten haben. Man ist vielleicht nicht in der Lage, sie umzustimmen und zu überzeugen, aber zumindest kann man sie verunsichern und Zweifel in ihnen erwecken. Und manchmal kann es einem wiederum gelingen, sie aus der Reserve zu locken, mit ihnen zu sprechen und sie zu überzeugen. Ich denke es ist gleichzeitig sehr arrogant und sehr feige zu sagen „das schaffen wir nicht”. Viele meiner Akademiker-Freunde haben Angst, mit Leuten zu diskutieren, die anders als sie selbst sind. Sie sagen vielleicht nicht, dass sie Angst haben, über bestimmte Themen zu sprechen, aber sie sind voreingenommen, da sie meinen: „Die hören einfach nicht zu, es ist alles ihre Schuld. Ich bin der Erhabene, ich habe all diese kultivierten Ideen, und die anderen sind so einfältig. Wie sollen wir uns denn da unterhalten?” Ich denke, es ist an uns, Umstände zu schaffen, unter denen solche Diskussionen geführt werden können. Allerdings wird das wohl ein steiniger Weg.

42: Also sind wir auf kooperative Menschen angewiesen, die bereit sind sich mit diesen gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen?

FF: Ja, denn je mehr von uns sich bemühen und bereit sind, über solche Themen in der Öffentlichkeit zu sprechen, umso größer wird der Effekt sein. Einzelkämpfer sind wichtig, aber am Ende brauchen wir mehr als einzelne Personen. Wir brauchen eine Veränderung in unserer sozialen Umgebung, um gegenseitig unsere Ansichten bekräftigen zu können.

42: Könnte so eine Veränderung verhindern, dass junge Menschen radikalisiert werden?

FF: Ich bin mir nicht einmal sicher, ob „radikal” das richtive Wort für Terrorismus ist. Ich weiß, wir sprechen immer von „Radikalisierung”, aber dieses Wort ist möglicherweise eine Fehlbezeichnung. Ich sehe das Aufkommen von Terrorismus in der westlichen Gesellschaft als Resultat der Zerbröckelung unseres sozialen Umfelds, des Versagens der Multikulturalität und des öffentlichen Lebens und des Versäumnis, Menschen miteinzubeziehen und zu inspirieren. Es gab schon immer Leute, die sich als Außenseiter gefühlt haben, dies passiert vor allem unter jungen Menschen. Früher haben die sich dann Motorrad-Gangs angeschlossen oder Drogen genommen oder etwas anderes in die Richtung. In Situationen, in denen diese Entfremdung einen starken kulturellen Bestandteil hat und sich als Reaktion auf die westliche Kultur bemerkbar macht, werden Leute jetzt zum Beispiel vom Islam angezogen. Wenn man dschihadistische Webseiten besucht, ist es interessant, dass die Hintergrundmusik „Ghetto Musik” ist. Auch die Bilder erinnern an europäische oder amerikanische, das bedeutet, es werden praktisch westliche Subkulturen recycelt und in islamistischer Form umgestaltet. Was wir beobachten können, ist eine Entfremdung oder Distanzierung, die es bereits in der Vergangenheit gegeben hat. Doch in der heutigen Situation, mit viel schwächeren Kulturen und Gesellschaften, die selbst Probleme damit haben, Zusammenhalt zwischen Menschen zu schaffen, erhält diese Entfremdung eine vernichtendene und menschenverachtende Gestalt. Kombiniert mit dem Islam entsteht dadurch eine globale, nach Außen wirkende politische Kraft.

Herr Prof. Dr. Furedi, vielen Dank für dieses Interview.

 

Interview: Lena Kronenbürger

Übersetzung: Franziska Mohr

Foto: 3dman_eu/Pixabay

 

Prof. Dr. Frank Furedi
University of Kent