Vol. 1: Terrorism

Terrorismus, Gender Studien and Popkultur

“Nur weil man nicht direkt dort war, trägt man das Trauma mit sich und es wird Teil der eigenen Identität.“

Don Varn Lowman, MA, MBA, Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn

42: Don Lowman – Wie behandelt die Gender Forschung das Thema Terrorismus?

Don Varn Lowman: Wir schauen zunächst einmal auf Identitäten. Wir können uns auch mit „Othering“ – Differenzierung und Distanzierung – beschäftigen. Bei diesem Phänomen definieren die Handlungen einer Person die Handlungen aller, was ein wichtiges Thema in der Gender Forschung und den Queer Studies ist. Die Queer Studies stellen die Idee einer einzigen Identität im Gegensatz zu einer wechselhaften Identität infrage. Das passt sehr gut zu dem was Judith Butler sagen würde – dass das Geschlecht sozial konstruiert wird. Was Terrorismus anbelangt, so würde ich darüber hinaus sagen, dass diese Identität, oder die Idee hinter manchen Religionen, sozial konstruiert ist. Terrorismus wird mit dem Islam in Verbindung gebracht. Von mehr als einer Milliarde von Muslimen weltweit sind nur etwa 0,0001 Prozent Terroristen oder unterstützen den Terrorismus. Die Handlungen dieser 0,0001 Prozent definieren nun den ganzen Islam. Das ist in der Geschichte schon öfter passiert. Es gibt sehr interessante Studien, wie die von Ibram X. Kendi, zu Geschichte und Sklaverei, was die Anzeigen zu Vergewaltigungen angeht. Wenn ein Schwarzer eine Vergewaltigung verübt hatte, wurde er in fast jedem Fall verurteilt. Diese Zahlen untermauerten eine scheinbare Schlechtigkeit von Afrikanern oder Afroamerikanern oder Schwarzen. Wenn ein Weißer das gleiche Verbrechen verübt hatte, wurde es zurückgeführt auf die Persönlichkeitszüge eines Einzelnen. Man sieht das auch beim Terrorismus: 2015 erschoss eine Person mehrere Menschen in einer Kirche in den Vereinigten Staaten. 2011 gab es einige terroristische Attacken in Norwegen, bei denen insgesamt 77 Menschen ums Leben kamen. Auch wenn beide Personen Verbindungen zum Christentum hatten, wurden sie in den Medien als „Extremisten“ bezeichnet. Wenn Religion überhaupt erwähnt wurde, dann als dass sie die Bedeutung des Christentums verzerrt haben. Sobald es ein muslimischer Terrorist ist, wird zunächst berichtet, dass er ein Muslime ist – nicht dass er ein Terrorist ist, der zufällig Muslime ist. Das ist Othering: Eine Identität jemand anderem zwangsweise aufdrücken. Hier überschneiden sich Gender Forschung, Queer Studies und Terrorismus.

42: Was terroristische Anschläge angeht: Würden Sie sagen, dass Gewalt einem Geschlecht zugeordnet und dementsprechend „gegendert“ wird?

DVL: Wenn wir Gewalt als solche historisch betrachten und annehmen, dass Männer und Frauen sich als Mann und Frau identifizieren, dann werden von den allermeisten Studien Männer als das gewalttätigere Geschlecht angesehen. Aber das muss man von zwei Seiten betrachten: Erstens, welche Position haben Frauen in der Gesellschaft und was dürfen sie? Zweitens, wer sind die Gewalttätigen in der Gesellschaft? Das ist eine männlich dominierte Sphäre, also berichten Männer darüber. Und auch wenn starke Frauen auftauchten, wurden sie in der Berichterstattung und Geschichtsschreibung ausgelöscht, oder stark kritisiert. Johanna von Orléans, beispielsweise. Egal ob man sie als gut oder schlecht bezeichnet, sie war in jedem Fall sehr gewalttätig. Sie ist eine von hunderten Figuren, die seither als Helden gesehen wurden. Im Allgemeinen gab es wenige Frauen in gewaltsamen Kriegshandlungen. Es gab sie, aber normalerweise war es den Frauen verboten. Das geht wieder zurück auf die Art von Geschichtsschreibung, und spiegelt zudem die Stellung der Frau in der Gesellschaft wider.

42: Wie hat sich diese Änderung der Geschichtsschreibung auf die Sicht auf Gender und Terrorismus ausgewirkt?

DVL: Man sieht heutzutage mehr davon: In einem Buch mit dem Titel „Frauen, Gender und Terrorismus“ von Laura Sioberg und Caron E. Gentry, das vor fünf oder sechs Jahren herauskam, wurde die Verbindung von Gender und Terrorismus behandelt. Frauen nehmen häufiger am Terrorismus teil, aber darüber wird häufig nicht berichtet. Worüber falsch berichtet wird, ist – wenn man über den Islam redet – ja, es gibt Frauen, die in Terrorismus involviert sind, etwa durch die Unterstützung terroristischer Gruppen. Frauen wurden wegen des Patriarchats aus historischer Berichterstattung häufig ausgelassen. Entweder werden sie in unterlegene Positionen als Helfer gedrängt oder über ihre terroristischen Handlungen wird nicht berichtet.

42: Könnten Sie uns ein Beispiel nennen und erläutern, wie es die Gesellschaft heute beeinflusst?

DVL: Man sieht es an Palästina: Es gibt dort weibliche Selbstmordattentäter. Das ist eine eher neue Entwicklung seit den 1990er Jahren. Frauen wurden ab dann sichtbarer. Natürlich gab es terroristische Frauen, aber wegen des Patriarchats vieler Epochen wurden Frauen unterdrückt und an den Rand gedrängt. Heutzutage hört man sogar von weiblichen Selbstmordattentätern aus dem Nahen Osten. Tschetschenien in Russland ist auch ein gutes Beispiel: Dort gibt es einen bemerkenswerten Anstieg des Anteils von Frauen in Terrorgruppen. Vor einigen Jahren gab es hier in Deutschland die Terrorgruppe der NSU, die mehrere Ausländer ermordet hat. Zwei der Beteiligten dieser Gruppe waren Frauen. Frauen die als Haupttäter und nicht nur im Hintergrund auftreten sind ein fast ausschließlich westliches Phänomen. Was ihre gesellschaftliche Stellung in Asien und dem Nahen Osten angeht und was sie dort erlaubt sind zu tun; Frauen werden dort an den Rand gedrängt, auch als Unterstützer von Terrorgruppen.

42: Wie sieht die Anerkennung der Frauen im Kampf gegen den Terrorismus aus, wenn Frauen generell an den Rand gedrängt werden?

DVL: Die Berichterstattung über Frauen als Kämpferinnen im Antiterrorismus wurde auch ausgelöscht, da es eine ebenfalls männlich dominierte Domäne ist. Es gibt viele historische Berichte über Frauen, die ihr Geschlecht genutzt haben, um als Spione zu arbeiten. Genutzt haben ihnen dabei Vorurteile gegenüber der vermeintlich niedrigeren Intelligenz von Frauen, oder die Sicht auf Frauen als Sexualobjekt. Sie haben diese Vorurteile zu ihrem Nutzen ausgespielt. Das ist die Kehrseite der Beschäftigung mit Frauen und Terrorismus in der Wissenschaft: Die Rolle der Frau als Heldin.

42: Im Anbetracht der historischen und politischen Ereignisse der letzten 20 Jahre: Haben sich Ihrer Meinung nach die Geschlechterrollen seit dem 11. September verändert?

DVL: Die Jahrhundertwende als Wendepunkt zu sehen ist sinnvoll – man könnte auch 1999 oder 2002 nehmen. In den letzten knapp 20 Jahren haben sich Geschlechterrollen natürlich verändert. Es gibt sehr viel mehr Aufmerksamkeit durch die Queer Studies, wenn man bedenkt wie jung Queer Studies als Disziplin sind. Dieser Forschungsbereich bezieht sich auf Foucault und Butler; er ist aus dem Feminismus entstanden, der selbst im größeren Kontext der Kritischen Theorie relativ neu ist. Es hat sich in dieser Hinsicht einiges dramatisch verändert. Was die westliche Welt angeht, so ist die Akzeptanz für alles, was über Schwule und Lesben hinausgeht heute viel größer. Ich würde sagen, dass die westliche Gesellschaft in den letzten Jahren sehr viel sensibler für queere Identitäten geworden ist. Wir bewegen uns langsam von der Idee weg, dass Identität statisch ist und entweder „A“ oder „B“ ist. Innerhalb der „Heterosexuellen Matrix“ gibt es immer noch die Annahme, dass man mit bestimmten Geschlechtsteilen geboren ist und daher „das Geschlecht A oder B“ sei und „A“ oder „B“ begehren müsse. Butler hingegen würde sagen: Wir haben einen Körper. Wir können eine Identität durchführen und ein Begehren haben. Aber die Idee nur einer oder zweier Identitäten ist falsch. Identitäten können sich verändern. Sie sind fluid. Für Butler ist das so, so wie für viele andere Theoretiker. Es gibt Ideen und Konzepte, die wir noch nicht einmal kennen oder in Worte fassen können. In Gender Trouble, von 1990, spricht Butler noch nicht über Transgender. Jahre später hingegen, greift sie transgender Identitäten auf und diskutiert ausführlich über sie. Gender Forschung und Theorie entwickeln sich ständig weiter. Natürlich weisen Butlers Theorie und die Darstellung in der Gesellschaft teils noch große Diskrepanzen auf. Wenn wir zum Beispiel die Medien betrachten, so wurden queere Menschen oft als Opfer oder als Böse dargestellt. In den letzten 20 Jahre hat sich diese Darstellung drastisch verändert.

42: Glauben sie, dass sich Geschlechterrollen und Othering aufgrund des Terroranschlags am 11. September verändert haben?

DVL: Hier ist Gender in Hinsicht auf den Westlichen Blick auf den Islam wichtig. Dieser hat sich geändert. Es gab viele Studien über die Medienrepräsentation des Islam vor und nach dem 11. September. Vor den Anschlägen – nicht dass das gut war, aber es war ein „anderes schlecht“: war der Islam etwas dezidiert „anderes“. Es bezog sich auf die Idee von Aladdin und seiner mystischen und unterwürfigen Frau. Diese Entfremdung zu etwas exotisch-mystischen geht auf Edward Saids Theorie des Orientalismus zurück. Nach den Anschlägen am 11. September wurde der Islam als terroristische Organisation dargestellt, obwohl Terroristen nur einen winzigen Teil des Islam ausmachen.

42: Sie sprechen von dem Konzept des Othering – Wie wurde dadurch die Perspektive auf Gender im Zusammenhang mit Religion beeinflusst oder verändert?

DVL: Menschen haben begonnen sich auf Faktoren zu beziehen, die Menschen ausdifferenzieren. Der Niqab oder Hijab sind solche differenzierenden Faktoren. Man kann sofort sehen, dass eine Person mit einer Kopfbedeckung muslimisch und eine Frau ist. Viele Männer werden dagegen nicht sofort als Muslime identifiziert, obwohl es natürlich eine Tradition der Kleidung gibt, allerdings nicht so stark wie bei den Frauen. Die nächste Assoziation ist der Terrorismus. Es gibt viele Vorstöße wie etwa, dass man das Kopftuch verbieten müsse, weil es mit Terrorismus in Verbindung gebracht werden kann und Menschen Bomben darunter verstecken könnten. Das ist lächerlich. Viele der Staaten, die ein Teil des progressiven Westens zu sein scheinen, greifen religiöse Symbole an, weil Teile der Bevölkerung diese mit Terrorismus gleichsetzen. Sie vernachlässigen dabei die religiösen Symbole des Christentums und den christlichen Terrorismus. Dieses Unwissen hat muslimische Frauen in das Vorurteil von: „die sind Terroristen“, „die helfen Terroristen“ oder „die sind unterwürfig“ gedrängt. Sich diesem Unwissen entgegenzustellen ist äußerst wichtig.

42: In welcher Weise kann man sich diesem Unwissen denn entgegenstellen und eine andere Perspektive auf Gender im Alltag annehmen?

DVL: Manche Teile der Sprache die wir nutzen haben sich drastisch verändert. „Wie ein Mädchen“ sein wird beispielsweise oft als negativ erachtet. In der Werbebranche spielen manche Kampagnen mit dem Sprachgebrauch und sorgen gleichzeitig für Reflektion. Zum Beispiel wurde für eine Werbung ein Video gedreht, in dem Frauen gesagt wurde, „wie ein Mädchen“ zu werfen. Sie ließen dann etwa den Ball fallen und sahen albern aus. Nike hat eine Kampagne entworfen mit einem Mädchen der Baseball World Series, sie war einer der besten Spieler und ein Pitcher: Auf dem Cover einer Werbeanzeige wurde sie gezeigt, wie sie einen Ball wirft. Die Überschrift hier war „Wirf wie ein Mädchen“. In diesem Fall wurde die Sprache der Anzeige positiv redefiniert. So etwas müssen wir auch in unserem alltäglichen Sprachgebrauch tun. Die Sprache der Heteronormativität zu ändern, sodass niemand mehr Annahmen vom Geschlecht herleiten kann. Das Bewusstsein für Sprache ist unbedingt notwendig und glücklicherweise ist es stark gestiegen. Nichtsdestotrotz hat unsere Gesellschaft noch einen langen Weg vor sich.

42: Sie sind auch ein Experte für Comics: Wie wird Gender und Terrorismus in diesem Medium dargestellt? Gibt es Verbindungen zwischen diesen beiden Themen?

DVL: Comics wurden lange als kindisch und simplistisch dargestellt. Es ist ebenfalls eine relativ männlich dominierte Sphäre, sowohl in der Darstellung als auch in denen, die Comics illustrieren und schreiben. Der männliche Blick dominiert daher. Das sieht man daran, wenn Frauen erschienen, was sie anhaben und wie sie aussehen. Die erste afroamerikanische Frau als Superheldin in einem Comic – Butterfly – war eine stereotype Darstellung einer schwarzen Frau. Sie war extrem sexualisiert. In diesem Sinne ist eine solche Repräsentation sehr gefährlich, weil sie viele Vorurteile der Gesellschaft bestätigt. Heutzutage haben Comics ein Wiederaufkommen der Frage was sie tun können und was sie ausssagen. Pädagogisch gesprochen sind Comics sehr wichtig für ein größeres Publikum und für ihre Einsetzbarkeit in der Schule. Queere Repräsentation hat stark zugenommen: Alison Bechdels Fun Home ist ein interessantes Beispiel für eine Autobiographie und ein Werk, dass queere Themen ernst nimmt. Diese Repräsentation einer lesbischen Frau in Comics ist sehr neu. Einige Jahre zuvor hätte es das noch nicht gegeben. Dass solche Repräsentationen so weitgehend verfügbar sind, sodass sie von so vielen Menschen gelesen werden können, erweckt Minderheiten zum Leben und gibt ihnen eine Stimme. Das ist sehr machtvoll. Das Thema des Terrorismus allerdings wurde von Comics noch nicht so viel aufgenommen, obwohl sich das Medium dafür anbieten würde.

42: Wie ändern Comics die Sicht des Lesers – insbesondere ihre Einstellung zur Realität?

DVL: Es hat einen starken Einfluss auf den Leser die Bilder zu sehen und wie die Künstler sich und ihre Geschichte repräsentieren. Es macht einen Unterschied eine weiblichen Superheldin zu sehen, die einen schwachen weiblichen Charakter hat und die gerettet werden muss: Das beeinflusst den Leser in seiner Sicht auf was es heißt, eine Frau zu sein. In der neuesten Ausgabe von Miss Marvel gibt es eine Frau, die Muslimin ist. Das löst so viele Vorurteile gegenüber Muslimen auf. Zum einen bricht es hoffentlich für manche Menschen Stereotype von Muslimen auf, da es Muslime in einem anderen Licht zeigt. Zum anderen kann sich eine junge Frau in der Protagonistin – im Gegensatz zu einem weißen und männlichen Charakter – wiedererkennen. Dieser Comic wirft viele Vorurteile über den Haufen, darüber was es heißt, Muslim zu sein. Einer der Charaktere fragt die Protagonistin warum sie Kopftuch trägt – wird sie Opfer eines Ehrenmordes oder von ihrem Vater dazu gezwungen? Sie antwortet, dass es um ein Teil ihrer Identität geht, dass es viele Wege gebe, den Islam zu praktizieren und dass ihr Vater nicht wolle dass sie es trägt. Es sei ihr Weg, ihren Glauben zu zeigen. Wenn man weiter schaut: Joe Sacco ist ein bekannter Künstler der sich dem Thema Krieg angenommen hat, wie zum Beispiel dem Jugoslawienkrieg. Sein Werk betont die Desensibilisierung über die Zahl der Opfer und wie sie zu Statistik werden. Wir sehen so viel von Kriegen und Explosionen, dass es keinen persönlichen Aspekt mehr gibt. Comics haben die Macht eine persönliche Verbindung mit dem Leser zu entwickeln.

42: In welcher Weise sind Comics emotionaler und persönlicher?

DVL: Es gibt Bilder, es gibt Emotionen und es wird gesagt was passiert. Es gibt nicht nur den Text der Handlung, sondern auch die Bilder dazu. In gewisser Weise entfernt es uns ein wenig davon, weil es eine Karikatur der Realität ist. Auf der anderen Seite zieht es uns mehr hinein. Das ist so, weil es jedem passieren könnte, im Gegensatz zu etwas, was weit weg passiert. Alle diese terroristischen Anschläge in einem Land bringen uns dazu zu redefinieren, was Terrorismus ist, nämlich dass es nicht bedeutet dass jemand aus „dieser“ Religion in einem Land jemanden angreift, weil er anders ist. Wenn man einen Comic liest, nimmt man sich ein Stück weit zurück – und versteht, dass es jeden betreffen kann: Man versteht die Auswirkungen besser und es verbindet die Menschen enger. Es schafft ein Bewusstsein für Konflikte die in der Welt passieren, über die viele Menschen entweder nichts wissen oder sie nur im Fernsehen gesehen haben.

42: Judith Butler betont ebenfalls das Thema der „Betrauerbarkeit“ (grievability), wobei sie annimmt, dass wir jedes Leben gleichermaßen betrauern dürfen und müssen. Sie fragt: Um wen trauern wir? Sprechen wir zu viel über Täter und zu wenig über Opfer des Terrorismus? Was denken sie darüber und kann das mit der Macht von Comics und Literatur in Verbindung gebracht werden?

DVL: Was Comics und andere Medien tun können, ist dem Leser den Horror des Krieges nahebringen. Wie der Roman Girl at War von Sara Novic, beispielsweise. Es ist ein fiktionaler Bericht über den Bosnienkrieg, wirkt aber real und hätte echt sein können. Es wird kein reiner Fokus auf die bösen Terroristen oder die bösen Täter gelegt, sondern auch auf die Genozide, die in Bosnien verübt wurden. Die Mehrheit in Bosnien ist muslimisch. Im Roman gab es eine furchtbare Szene, die das ganze Leben des Mädchens geprägt hat. Man schaut nicht nur auf die Dinge aus der Perspektive von: „Wir schauen uns böse Menschen an“, sondern das Problem wird als Ganzes gesehen, von der Perspektive der Opfer und der Täter. Die Opfer werden allerdings nicht nur als „diese armen Menschen“ viktimisiert. Man spürt den Schmerz während man liest. Das ist die Macht der Worte und der Bilder. Joe Saccos Werk etwa macht es möglich, den Schmerz der Opfer zu sehen und zu verstehen, dass dieser ein generationenübergreifender Schmerz ist. Nur weil man nicht direkt dort war, trägt man das Trauma mit sich und es wird Teil der eigenen Identität. Verständnis kann durch Literatur und durch Comics passieren, als machtvolles und wichtiges Instrument um Menschen zu repräsentieren, zu zeigen dass es mehr Identitäten gibt und nicht nur um Menschen als Opfer zu zeigen. Tatsächlich sollte niemand mehr in diese Binaritäten von gut und schlecht oder männlich und weiblich gezwängt werden. Diese Binaritäten sollen aufgebrochen werden um die reale Situation zu zeigen und um zu sehen, wie sich Einstellungen und Vorurteile tatsächlich verändern.

42: Vielen Dank für dieses Interview!

 

Interview: Ina Habermann

Übersetzung: Marian Blok

Foto: Kurdishstruggle/Flickr

 

Don Varn Lowman, M.A., MBA
Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn