Vol. 1: Terrorism

Terrorismus und Soziologie

„Terrorismus ist ein durch und durch soziales Phänomen.“

Dr. Daniel Witte, Käte Hamburger Kolleg “Recht als Kultur”, Internationales Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung

42: Herr Dr. Witte – ist Terrorismus ein Thema mit dem sich die Soziologie beschäftigen sollte?

Daniel Witte: Terrorismus ist ein genuin gesellschaftliches Phänomen und damit auch ein Forschungsthema in der Soziologie. Das klingt im ersten Moment vielleicht fürchterlich trivial, ist es aber nicht. Der moderne Terrorismus ist in seinen Ursachen, seiner Struktur und Dynamik sowie seinen Effekten ein durch und durch sozialer Tatbestand. Wären Terroristen beispielsweise durchweg Psychopathen, so sollte die Soziologie handlungstheoretische Fragen vielleicht eher den klinischen Psychologinnen und Psychologen überlassen – die Frage danach, wieso sich Akteure unter spezifischen sozialen Bedingungen für den Einsatz terroristischer Strategien entscheiden, also eine soziologische Fragestellung, wäre dann gewissermaßen schon falsch gestellt. Aber genau das ist ja gerade nicht der Fall: Statistisch betrachtet sind Terroristen, das zeigt sich in Untersuchungen immer wieder, unglaublich normale Menschen. Der moderne Terrorismus tritt auch in sozialen Formen auf, die wir auch aus ganz anderen Bereichen kennen: als Organisation oder als Netzwerk zum Beispiel. Und schließlich geht es ihm ja nicht primär um die Tötung einzelner Personen, sondern gerade um soziale und kommunikative Effekte, also Auswirkungen auf die Gesellschaft. Der gegenwärtige Angstdiskurs beispielsweise ist ja nicht unwesentlich mit diesem Thema verknüpft. Das fällt natürlich ins Zentrum soziologischer Gegenwartsanalyse.

42: Soziologen beschäftigen sich also mit Terrorismus, weil es ein relevantes Thema ist?

DW: Die Relevanz des Themas ist dann, jenseits der disziplinären Zuständigkeiten, wieder eine andere Frage. Hier sehe ich nun aber gerade im vorliegenden Fall keinen besonderen Begründungsbedarf – auch wenn die Soziologie grundsätzlich schon darauf Acht geben sollte, sich ihre Forschungsthemen und -fragen nicht von Politik und Ökonomie, durch den massenmedialen Diskurs oder andere Heteronomien oktroyieren zu lassen. Im Fall des Terrorismus scheint mir die gesellschaftliche Relevanz aber ebenso unbestreitbar wie die genuin soziologische Bedeutung der vielfältigen damit verbundenen Fragestellungen. Das sollte man vielleicht noch erwähnen: Im Grunde ist „der Terrorismus“ ja nicht einmal ein einzelnes, klar abgegrenztes Thema. Wir sprechen hier über einen bestimmten Typus politisch-strategischen Handelns – daran knüpft sich eine Vielzahl von ganz unterschiedlich gelagerten Fragestellungen, die dann auch noch einmal historisch und räumlich gesondert diskutiert werden müssen. Schließlich geht es der Soziologie dann aber letztlich immer darum, an den jeweiligen Gegenständen diejenigen Aspekte zu untersuchen, die, wie es Georg Simmel einmal formuliert hat, „wirklich nur Gesellschaft“ sind. Denn die Tatsache, dass Terrorismus ein „genuin gesellschaftliches“, also zum Beispiel kein botanisches oder mathematisches Phänomen ist, bedeutet ja noch nicht, dass alle Aspekte dieses komplexen Gegenstandes auch in gleichem Maße auf gesellschaftliche Strukturen und das Zusammenwirken von handelnden Akteuren verweisen. Wenn beispielsweise theologische Figuren, rechtsdogmatische Argumente oder Fragen der Ballistik ins Spiel kommen, ist die Soziologin oder der Soziologe natürlich gut beraten, auf die Expertise anderer Disziplinen zu vertrauen beziehungsweise sich entsprechendes Hintergrundwissen anzueignen.

42: Der Terrorismus wird von wissenschaftlicher Seite von vielen Disziplinen beobachtet und analysiert. Inwiefern liefert die Soziologie eine andere Perspektive? Was sind Beispiele für Erklärungsmodelle, die die Soziologie für den Terrorismus bietet?

DW: Die Soziologie liefert in genau diesem soeben angesprochenen Sinne eine eigenständige Perspektive auf das Phänomen „Terrorismus“: indem sie nach seinen genuin gesellschaftlichen Bedingungen und Wirkungen fragt. Ihre Frage zielt natürlich schon in eine bestimmte Richtung, wenn Sie von „Erklärungen“ sprechen: Sie möchten also wissen, warum bestimmte Akteure in bestimmten Situationen und unter bestimmten Bedingungen zu Terroristen werden. Vielleicht auch noch, warum das Phänomen zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Räumen häufiger auftritt, als in anderen. Schon auf diese Frage hält die Soziologie unterschiedliche Antworten bereit, die mehr oder weniger kommensurabel und im konkreten Fall auch unterschiedlich „erklärungskräftig“ sein mögen.

42: Was also sind soziologische Erklärungen für individuelle Radikalisierung?

DW: Für den konkreten einzelnen Akteur können ganz unterschiedliche Gründe in die Radikalisierung und irgendwann in den Terrorismus führen; das ist ein bisschen so als würde man fragen: „Wie erklären Sie, dass jemand Versicherungsvertreter wird? Oder Vegetarier?“ Aber natürlich gibt es historische, kulturelle und vor allem politische Faktoren, denen eine erhebliche Bedeutung zukommt. Bei der Roten Armee Fraktion etwa war die Auseinandersetzung mit der Rolle der Elterngeneration im Nationalsozialismus zentral, dazu kam dann ein bestimmtes intellektuelles Klima in vielen westlichen Gesellschaften, ein großer Einfluss bestimmter Theorien und Denkweisen und eine breite soziokulturelle Bewegung gerade im studentischen Milieu, aus der sich dann einige wenige nach und nach abgekapselt und irgendwann in den Untergrund abgesetzt haben. Der gegenwärtige islamistische Terrorismus wiederum ist natürlich nicht unabhängig von Entwicklungen, die seit vielen Jahrzehnten insbesondere den Nahen und Mittleren Osten prägen und in die westlichen Gesellschaften in vielfältiger Weise, etwa politisch, ökonomisch, kulturell oder militärisch involviert waren und sind. Radikale Interpretationen des politischen Islam spielen in diesem Zusammenhang natürlich auch eine große Rolle, aber ich halte es für falsch − und im Übrigen auch für äußerst gefährlich −, diese ihres Entstehungskontexts zu entkleiden und dann so zu tun, als ließe sich Terrorismus sozusagen aus der Texthermeneutik einzelner Suren begreifen.

42: Der Terrorismus ist also nicht allein aus radikaler Religionsauslegung begreifbar?

DW: Nein, das glaube ich ganz entschieden nicht. Die viel spannenderen und wichtigeren Fragen sind doch außerdem, warum bestimmte Auslegungen in einigen Regionen der Welt derzeit eine solche Renaissance erfahren – oder welche Merkmale unserer eigenen Gegenwartsgesellschaft dazu führen, dass Mittelschichtkids aus der Voreifel statt Hiphop oder Punk nun auf einmal den Dschihadismus als ein attraktives gegenkulturelles Sinnangebot begreifen und dann binnen kürzester Zeit zu einem allenfalls halbverdauten Islam konvertieren und als „foreign fighters“ in den „Heiligen Krieg“ nach Syrien reisen. Das ist schon – leider im doppelten Wortsinne – ziemlich abenteuerlich. Mit Koraninterpretationen kommt man da allerdings nicht weit.

42: Mit was sonst?

DW: Ein paar Punkte, an denen man soziologisch ansetzen sollte, wenn man den gegenwärtigen Terrorismus verstehen will, habe ich ja bereits genannt. Es gibt aber natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die eine Rolle spielen können: etwa der Einfluss massenmedialer Propaganda und die Verbreitungsdynamiken, die das Internet freigesetzt hat. In manchen Fällen kommt auch langfristigeren Konflikttraditionen eine große Bedeutung zu (ich denke da etwa an die Euskadi Ta Askatasuna oder die Irisch-Republikanische Armee), in anderen wieder Marginalisierungserfahrungen und Integrationsdefiziten, und natürlich kommen ab einem bestimmten Punkt fast immer auch Gruppendynamiken ins Spiel – aber da ist es dann natürlich oft ohnehin schon zu spät. Sie sehen also: monokausal lässt sich ein komplexes Phänomen wie der Terrorismus ganz sicher nicht „erklären“.

42: Die Soziologie liefert also mögliche Erklärungen für Terrorismus. Wie sieht es mit soziologischen Perspektiven auf seine Konsequenzen aus?

DW: In der Tat befasst sich die Soziologie neben solchen „Erklärungsansätzen“ natürlich auch mit den vielfältigen Folgen des Terrorismus und seinen Effekten auf die Gesellschaften, die er adressiert. Soziologen sind ja auch immer ein bisschen Generalisten, das aber in einem sehr spezifischen Sinne. Für fast alle gesellschaftlichen Bereiche gibt es ja auch noch ausdifferenzierte Fachwissenschaften: Um beim Beispiel des Terrorismus zu bleiben etwa die Politikwissenschaften, die Religionswissenschaften, die Medienwissenschaften, aber auch unterschiedliche Disziplinen mit regionalem Fokus (wie etwa Indologie oder Arabistik). Und wenn Sie auf die Ebene gesellschaftlicher Beobachtungen von Terrorismus wechseln, sind auch noch viele weitere involviert. Ich illustriere das gerne am Beispiel von 9/11: Das war ja nicht lediglich ein politisches Ereignis, sondern auch Gegenstand in nahezu allen anderen gesellschaftlichen Feldern. Der 11. September, das ist nun eine klassische systemtheoretische Figur, hat in diesem Sinne viele Male stattgefunden: In der Ökonomie, auf Märkten und an den Börsen genauso wie in theologischen Debatten und in den Kirchen, in den unterschiedlichsten Medien und Wissenschaften, im Recht und der Pädagogik ebenso wie in der Kunst und der Literatur, und so weiter. Eine mögliche Perspektive der Soziologie ist dann im Prinzip diejenige, die diese unterschiedlichen Beobachtungsweisen in ein Verhältnis setzt, wenn Sie möchten eine Art „Draufsicht“, die beobachtet, wie unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche das gleiche Ereignis jeweils unterschiedlich beobachten, darüber kommunizieren und in ihrer jeweiligen Praxis daran anknüpfen. Dass dabei dann jeweils auf ganz verschiedene Dinge fokussiert wird und ganz verschiedene Aspekte als relevant erscheinen, zum Beispiel die Frage, ob es sich um einen militärischen Angriff handelt und was das Völkerrecht dazu sagt, wie religiöse Minderheiten zukünftig vor Diskriminierung geschützt werden können, wie angesichts der nächsten Bundestagswahl oder mit Blick auf das eigene Aktienportfolio nun reagiert werden muss, oder welche ästhetischen Qualitäten dem Einsturz der Twin Towers möglicherweise eigen sind – das ist dann schon einmal eine erste Einsicht, die sich nur aus soziologischer Perspektive einstellen kann. Wenn wir so viel von „Komplexität“ reden, dann hat das etwas mit dieser Verfasstheit moderner Gesellschaften zu tun.

42: Ist der Terrorismus ein neues Phänomen, oder wird durch die Chiffre „Terrorismus“ nur schon Bekanntes neu zusammengefasst und zu einem eigenen, bedrohlichen Phänomen gemacht?

DW: Das kommt natürlich auf das jeweilige Verständnis von „Neuheit“ an. Terrorismus ist kein neues Phänomen, aber ein genuin modernes; ein Phänomen das auf das Engste mit Eigenschaften der modernen Gesellschaft verknüpft ist. Es gibt eine Vielzahl von Definitionen dieses Begriffs, der ja im Übrigen auch immer wieder gerne als stigmatisierende Zuschreibung Verwendung findet. Das aber, was man heute im Allgemeinen unter „Terrorismus“ versteht – die gezielte und organisierte Anwendung von Gewalt zur Erreichung von im weitesten Sinne politischen Zielen durch die Verbreitung von Angst und Schrecken bei unbeteiligten Beobachtern – dieses Phänomen beginnt, von einigen Vorläufern abgesehen, eigentlich erst im 19. Jahrhundert eine Rolle zu spielen. Sie kennen ja vielleicht das Konzept der „Propaganda der Tat“, das auf die anarchistische Bewegung zurückgeht. Damit beginnt sich durchzusetzen, was wir heute meinen, wenn wir Terrorismus primär als eine „Kommunikationsstrategie“ begreifen. Das ist ein mittlerweile recht berühmtes Zitat von Peter Waldmann.

42: Aus welchen Ideologien speisen sich die Legitimierungen für den Terrorismus der Moderne?

DW: Ideologisch hat das 20. Jahrhundert alle möglichen Spielarten dieser Strategie gesehen: von linksradikalen (etwa die RAF oder die Roten Brigaden in Italien) und rechtsradikalen Varianten (denken Sie etwa an die Wehrsportgruppe Hoffmann und das Oktoberfestattentat von 1980, den schwersten Anschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte) über den ethnisch-nationalistischen Terrorismus (z. B. in Irland und dem Baskenland) bis hin zu radikalen Umwelt- und Tierschutzbewegungen (etwa die Earth bzw. Animal Liberation Front), für die das FBI den Begriff „Ökoterrorismus“ geprägt hat. In manchen Fällen mischen sich auch hier schon religiöse Motive und Legitimationsmuster in das jeweilige Bild, und im Fall des islamistischen Terrorismus dominiert das natürlich das Narrativ. Ich bin aber nach wie vor der Auffassung, dass auch dieser nur verstanden werden kann, wenn man sich ernsthaft mit seinen politischen − und das heißt: nicht primär religiösen − Zielen auseinandersetzt.

42: Der Terrorismus in seiner gegenwärtigen Form ist also kein neues Phänomen?

DW: Nein, eine „neues“ Phänomen ist das nicht. „Modern“ ist der Terrorismus aber dennoch, und zwar in struktureller Hinsicht, weil er systematisch an bestimmten Merkmalen moderner Gesellschaften ansetzt. Vor allem die Systemtheoretiker sprechen deswegen davon, dass der Terrorismus an den Struktureigenschaften dieser Gesellschaften „parasitiere“. Ohne staatliches Gewaltmonopol und demokratische Öffentlichkeit, ohne das für offene Gesellschaften konstitutive Abwägen von Freiheit und Sicherheit, ohne moderne Massenmedien, das heißt in den vergangenen Jahren auch ohne Echtzeitübertragungen und Endlosschleifen – ohne diese und viele weitere spezifisch „moderne“ Eigenschaften von Gesellschaften, wäre der Terrorismus schlechterdings nicht denkbar.

42: Seit den Anschlägen auf das World Trade Center steht der islamistische Terrorismus im Zentrum dessen, was gewöhnlich als Terrorismus verstanden wird. Ist Religion, insbesondere der Islam, eine hinreichende Ursache für Terrorismus?

DW: Das ist bereits vom Ansatz her eine Frage, die ich nicht verstehe. Terrorismus ist ein komplexes soziales Phänomen, das sich grundsätzlich monokausaler Erklärungsversuche entzieht. Wenn die Idee hinter Ihrer Frage lauten sollte, dass religiöser Glaube (auch nur ceteris paribus) zwangsläufig dazu führt, dass die betreffenden Akteure zu Terroristen werden, so ist die Absurdität der Aussage offensichtlich. Das Gleiche gilt für Anhänger unterschiedlicher Glaubensrichtungen, und selbst wenn Sie sich den Islamismus als fundamentalistische bzw. radikale politische Lesart des Islam ansehen, werden Sie schnell feststellen, dass rein statistisch fast niemand unter den Islamisten auch tatsächlich zum Terroristen wird. Wir haben es hier immer noch mit verschwindend geringen Prozentzahlen zu tun: Wenn Sie sich die Verfassungsschutzberichte ansehen, dann geht man seit Jahren von knapp 45.000 Islamisten in Deutschland aus, von denen etwa 1000 als möglicherweise gefährlich gelten und irgendetwas um 150 Personen tatsächlich „besonderer staatlicher Aufmerksamkeit“ bedürfen. Da liegen Sie dann bei Anteilen von gut 2 bzw. 0,3 Prozent, aber selbst die stellen ja zunächst nur „Potenziale“ dar. Auf die Gesamtzahl der Muslime in Deutschland gerechnet – ziemlich genau das Hundertfache – kommen sie damit auf etwa 0,2 bzw. 0,03 Promille potenzielle Terroristen. Hinreichende Ursachen sehen anders aus. Aber das sind natürlich im Prinzip noch sehr schlichte Rechenspiele. Hilfreicher ist es, noch einmal einen Blick in die Geschichte und auf die globale Empirie des Terrorismus zu werfen. Und was dessen jüngere Geschichte betrifft: Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Robert Pape hat dazu vor gut zehn Jahren mal ein schönes soziologisches Buch publiziert und dafür die Daten zu den weltweit durchgeführten Selbstmordattentaten aus mehr als zwei Jahrzehnten (von 1980 bis 2003) statistisch ausgewertet. Eines der interessantesten Ergebnisse der Studie ist, sehr verkürzt gesagt, dass hinsichtlich der Herkunft der Selbstmordattentäter von Al-Kaida die Stationierung von US-Truppen im jeweiligen Heimatland ein deutlich besserer Prädiktor ist, als das Vorherrschen des islamischen Fundamentalismus beziehungsweise des Salafismus – wenn Sie diesen Faktor einbeziehen, erhöht sich die Radikalisierungswahrscheinlichkeit (bzw. der Anteil an der Gesamtbevölkerung) plötzlich um das Zehnfache. Global betrachtet sind die Länder mit den größten muslimischen Populationen wie Indonesien und Pakistan im internationalen Terrorismus insgesamt stark unterrepräsentiert, während die meisten Selbstmordattentate weltweit über viele Jahre von den Tamil Tigers (LTTE) verübt wurden – eine separatistische Gruppierung in Sri Lanka, die aus überwiegend säkularen Hindus besteht. Natürlich spielen religiöse Sinnsysteme und Differenzen in vielen Auseinandersetzungen eine Rolle – als Legitimationsmechanismus, als Medium der Sinnstiftung, und so weiter – aber in der Regel sind diese Auseinandersetzungen in ethnisch-nationalistische und globale, militärische Konfliktlagen eingebettet, die man dabei nicht aus den Augen verlieren sollte. Selbst der Islamische Staat, der mit seiner expliziten Zielsetzung der Schaffung eines Kalifats natürlich stark religiöse Momente aufweist, ist nur als ein religiös-politisch-militärischer Hybrid wirklich verstehbar. Religion im Allgemeinen und der radikale Islamismus im Besonderen (von „dem“ Islam ganz zu schweigen) stellen jedenfalls, um auf Ihre Frage zurückzukommen, weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung für terroristische Praxis dar.

42: Terroristische Anschläge werden meist von intensiver Medienberichterstattung begleitet. Spielen die Medien Terroristen durch die generierte Aufmerksamkeit in die Hände? Wird der Terrorismus durch die Medienberichterstattung quasi erst konstruiert?

DW: Nun ja, man muss da schon ein bisschen differenzieren. Ein konkreter Anschlag, die physikalischen Wirkungen eines detonierenden Sprengsatzes, verletzte oder getötete Menschen, all das wird natürlich nicht durch die Massenmedien „konstruiert“, das ist erkenntnistheoretischer Unfug. Inwiefern bestimmte Ereignisse in der Berichterstattung verklammert und andere dabei ausgelassen werden, wie auf diese Weise Kontexte und Sinnzusammenhänge erzeugt und bestimmte Narrationen etabliert werden, sodass dann am Ende ein ganz bestimmtes Bild von einem komplexen Phänomen wie „Terrorismus“ steht, ist aber in spätmodernen Gesellschaften natürlich nicht unabhängig von der medialen Berichterstattung und öffentlichen Diskursen – das zu negieren wäre kaum weniger naiv. Der immer wieder kritisierte und in der Tat recht zurückhaltende Umgang mit dem Begriff „Rechtsterrorismus“ oder auch die über Jahre andauernde Fehlcodierung der Anschlagsserie des Nationalsozialistischen Untergrunds – Stichwort „Döner-Morde“ und Ermittlung im familiären Umfeld der Opfer – sind hier vielleicht ein ganz gutes Beispiel für den Zusammenhang, der zwischen öffentlicher Darstellung und gesellschaftlicher Wahrnehmung besteht.

42: Wie also sieht der Zusammenhang zwischen Medienberichterstattung und Terrorismus aus?

DW: Grundsätzlich spielen die Medien natürlich auch für die terroristische Strategie selbst eine zentrale Rolle. Ich hatte das ja bereits erwähnt: Ohne die Massenmedien ist der moderne Terrorismus schlicht unvorstellbar, er zielt ja in der Regel gerade nicht auf die möglichst effiziente Tötung möglichst vieler Menschen ab, sondern auf die psychologischen und sozialen Effekte, die damit über den eigentlichen Kreis der Opfer hinaus erzielt werden. Insofern ist er auf möglichst breite und umfassende, möglichst überraschende und schockierende Medienberichterstattung nicht bloß akzidentiell, sondern konstitutiv angewiesen. Für unsere spätmodernen Gesellschaften und die „Ökonomie der Aufmerksamkeit“, die kulturell weite Teile dieser Gesellschaften bestimmt, stellt das letztlich eine Paradoxie dar, die sich nicht ohne weiteres auflösen lässt: Wir müssten eigentlich wegsehen, aber natürlich können wir nicht. Man könnte rein theoretisch dem Terrorismus den Wind aus den Segeln nehmen, wenn man gar nicht mehr über Anschläge berichten würde – aber natürlich ist das ein Gedankenexperiment. Allerdings beobachte ich in letzter Zeit erste, kleine Anzeichen einer offenbar gestiegenen Sensibilität für die Verantwortung, die wir für die Zirkulation von Bildern haben – wenn dies mittelfristig zu etwas mehr Aufmerksamkeit in medienethischen Fragen führen würde, wäre das schon einmal ein erster Schritt. Aber erzählen Sie das mal dem Boulevard. Wenn ich aber bereits erwähnt hatte, dass Terrorismus im Wesentlichen eine Kommunikationsstrategie darstellt, so lässt sich in diesem Zusammenhang vielleicht ergänzen: Es gehört gerade zur Perfidie dieser Strategie, dass offene Gesellschaften einen Großteil dieser Kommunikation selbst übernehmen, indem sie der „Botschaft“ terroristischer Akteure überhaupt erst zur Verbreitung verhelfen. Dass uns der Terrorismus diese Verbreitung immer auch ein Stück weit aufzwingt, uns an diesem Punkt immer auch ein Stück weit unsere eigene Hilflosigkeit vor Augen führt, ist letztendlich Teil der Gewalt, die er ausübt.

42: Herr Dr. Witte, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Interview: Marian Blok

Foto: slagheap/flickr

 

Dr. Daniel Witte
Käte Hamburger Kolleg “Recht als Kultur”
Internationales Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung