Vol. 2 Nationalism

Die Geschichte des Nationalismus

„Obwohl nicht alle Nationen alt sind, ist es die Idee der Nation.”

Interview mit Maj. Prof. Dr. Azar Gat, Vorsitzender des Department of Political Science an der Universität Tel Aviv

 

Maj. Prof. Dr. Azar Gat, Vorsitzender des Department of Political Science an der Universität Tel Aviv, nimmt uns mit auf eine Reise zu den Geschichten verschiedenster Nationen weltweit. Er argumentiert, dass die Wurzeln der Nationen und des Nationalismus weiterreichen als in die Moderne, dass sie aus der Antike stammen, dem Beginn von Ethnizität und einem ersten Gefühl von Zugehörigkeit.

Prof. Dr. Gat – der Sozialanthropologe Ernest Gellner definiert Nationalismus als „die Auffassung, dass die nationale und politische Einheit deckungsgleich sein sollten”. Laut Gellner besteht eine Nation aus einer Gesellschaft voller Individuen, die alle eine gemeinsame Kultur teilen, welche institutionell anerzogen wird. Nationalismus ist demnach die Idee, dass alle Individuen, die eine gemeinsame nationale Kultur teilen, im selben Staat leben sollten. Eine weitere gebräuchliche Definition des Begriffs „Nation“ ist Benedict Andersons „vorgestellte Gemeinschaft“ („imagined community“), eine Gemeinschaft von Individuen, die sich selbst als Teil eben dieser wahrnehmen. Wie würden Sie Nationalismus definieren?

In meinem Buch (“Nations: The Long History and Deep Roots of Political Ethnicity and Nationalism” Cambridge, 2013, Red.) gehe ich von Gellners Definition aus: eine grobe Deckungsgleichheit zwischen Kultur oder Ethnizität und dem Staat. Aber anders als Gellner argumentiere ich, dass die Verbindung zwischen Staatlichkeit und ethnischen Gemeinschaften bereits lange vor der Moderne – für Gellner bedeutet dies die Industrielle Revolution, für Anderson eine Gesellschaft mit der Möglichkeit zum Buchdruck – existiert hat, sogar zurückgeht zum Anbeginn der Geschichte. Die Verbindung lässt sich zurückführen auf Staaten und den Beginn der Literarität, auf 3000 vor Christus; die beiden frühesten Schreibsysteme wurden in den beiden frühesten Staaten entwickelt: dem antiken Ägypten und Sumer.

Mein Argument ist, dass es schon immer eine starke Verbindung zwischen Ethnizität und Staatlichkeit gegeben hat. Nicht alle antiken Staaten waren Nationalstaaten, manche von ihnen waren Stadtstaaten, in denen eine bestimmte Ethnie – Völker mit gemeinsamer Abstammung und Kultur – einerseits durch verschiedene politische Ordnungen getrennt wurde, aber nichtsdestotrotz eine starke Zugehörigkeit zur selben Ethnie verspürte. Betrachten wir beispielsweise die Griechen oder die Sumerer: Jeder Grieche, den man in der Antike gefragt hätte, hätte einem augenblicklich gesagt, dass er zur selben gemeinsamen Identität gehört. Also gibt es Stadtstaaten, in denen eine bestimmte Ethnie auf mehrere Stadtstaaten verteilt ist.

Gleichzeitig gab es Vielvölkerreiche, die nichtsdestotrotz von einer bestimmten Ethnie dominiert wurden und daraus auch ihre Kraft zogen. Die Griechen bauten unter Alexander und seinen Nachfolgern Reiche auf, und diese multi-ethnischen, hellenistischen Reiche wurden militärisch und politisch von den Griechen dominiert. So gut wie alle anderen Reiche folgten der gleichen Idee: das Britische Weltreich, das Französische Reich, das Römische Reich, das Russische Reich und so weiter.

Zwischen Stadtstaaten und Kaiserreichen gab es, wie historische Soziologen sie nannten, Territorialstaaten. Diese Bezeichnung ist allerdings nicht gut gewählt, weil jeder Staat ein Territorium besitzt. Diese Art der Staatsorganisation ist auch als dynastisches Königreich bekannt. In der Tat waren die meisten Territorialstaaten tatsächlich nationale Monarchien. Sie basierten auf einem klar erkennbaren Kern einer ethnischen Mehrheit, einem Staatsvolk. Beispielsweise zentrierte sich das ägyptische Königreich, der erste große Staat in der Geschichte, auf ein Volk, das ägyptische Volk. All diejenigen, die außerhalb der Grenzen lebten, waren Barbaren. Also folgt der erste Territorialstaat der Welt, Ägypten, bereits Gellners Definition des Nationalstaates.

Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Konsens behaupten Sie, dass das Konzept der „Nation” älter als die Moderne ist. Für Modernisten sind Literarität und Buchdruck notwendige Voraussetzungen für die Entstehung von Nationen, weil sie kleine, abgeschirmte Gemeinschaften vereinen und zu Nationen zusammenschließen. Wie konnte dies vorher passieren, als es Literarität und Buchdruck noch nicht gab?

Ich behaupte, dass praktisch gesehen alle Modernisten nur Theoretiker sind. Sie beschäftigen sich nicht mit prä-modernen Gesellschaften, darum schlagen sie ein Schema einer prä-modernen Gesellschaft vor, welches historische Realitäten nicht wiedergibt. Die Aufgabe ist, zurück zu jenen Gesellschaften zu gehen, die den Buchdruck noch nicht kannten, und zu schauen, ob wir Beweise finden, die aufzeigen, welche Art von Gemeinschaftssinn diese Völker hatten. Dieser Versuch kann die Debatte entscheiden, ist aber sehr problematisch, da die große Mehrheit der prä-modernen Gesellschaft nicht schreiben konnte. Die einzigen Beweise, die wir haben, stammen von der schriftkundigen Elite.

Daher ist es sehr schwierig, die authentische Stimme der Massen zu entdecken. Wir müssen Wege finden, diese Hindernisse zu überwinden, und nachweisen, was die Menschen selbst dachten. Die Aufgabe ist zu schauen, ob es klare Hinweise gibt, die uns zeigen, ob die Leute ein Bewusstsein dafür hatten, dass sie ein Volk sind. Eine der Hauptmethoden zur Entschlüsselung dieses Rätsels ist sich anzuschauen, was passiert ist, wenn Ausländer in das Land einmarschiert sind. Falls die Massen unter verzweifelten Umständen ihre Waffen gegen die Eindringlinge gezückt haben, dem Ruf nach Blut gefolgt sind und sozusagen patriotische Treue oder sogar patriotische Aufopferungsbereitschaft – Aufopferung von allem, was ihnen lieb im Leben und an Besitz war – gezeigt haben, dann wäre das ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie offensichtlich fanden, dass der Eindringling ein „verdammter Ausländer“ war, der „uns nicht beherrschen soll“.

Falls die Massen für Freiheit von der Fremdherrschaft gekämpft haben, haben sie sich offensichtlich selbst als nationale Gemeinschaft angesehen. Hierfür gibt es zahlreiche historische Beispiele. Lassen Sie mich zwei davon aufzeigen: Bei einem Beispiel handelt es sich um den bemerkenswerten Fall der Jungfrau namens Jeanne d‘Arc. Wir können uns glücklich schätzen, davon schriftliche Aufzeichnungen zu haben, denn die Inquisition hat sie verhört. Sie war ein Mädchen vom Land, die Tochter eines Bauern aus Lorraine, einer Provinz in Frankreich. Ihre Erziehung und ihr Hintergrund waren nicht außergewöhnlich. Woher wusste sie, beziehungsweise woher hatte sie gehört, dass die Engländer Ausländer waren und dass sie Frankreich verlassen mussten?

Ein anderer Fall ist die Napoleonische Invasion Russlands. Hier haben wir zwei Völker: eines davon, laut Meinung vieler, die erste moderne Nation: das revolutionäre Frankreich. Das andere Volk, komplett rückständig – in jeder Hinsicht prä-modern –, das verzweifelt seine Waffen gegen die eindringenden Truppen erhoben hat. Nun zur zweiten Frage: Woher wussten sie es? Woher wussten sie, dass sie zu Russland gehörten? Die Antwort lautet, dass moderne Theoretiker die Kommunikationsmittel der prä-modernen Gesellschaft erheblich unterschätzt haben. Damit meine ich die Mythen, die Sekten, die Legenden, die mündlichen Überlieferungen. Wir wissen im Prinzip alle, wie wichtig das alles war. Ein Punkt wurde zum Beispiel immer komplett übersehen: Es gab überall Tempel. Es gab örtliche Kirchen und Tempel mit Priestern in jedem Dorf. Es gab Bräuche, die größtenteils nationalen Charakter hatten, sogar im Christentum, welches eine universelle Botschaft aussendet. Die örtliche Kirche war patriotisch. In Serbien, zum Beispiel, wurde die Nationalflagge unter osmanischer Herrschaft gegen Eindringlinge und die imperialen Herrscher getragen. Die höheren Geistlichen waren teilweise politisch sehr berechnend. Sie betrieben hohe Politik und wählten ihre Seite äußerst vorsichtig. Aber die niedrigeren Geistlichen, die arm waren und sehr nah an ihrem Volk und ihren Gemeinden lebten, waren ohne Ausnahme patriotisch.

Wenn also ethnische Verwandtschaft und kulturelle Einheitlichkeit das Hauptargument für den Zusammenhalt von Nationen ist, wie funktionieren dann freiwillig geformte Nationen wie zum Beispiel die USA, Singapur oder die Ukraine, die multi-ethnisch, multi-religiös und multikulturell sind?

Hier haben wir drei sehr verschiedene Fälle. Migrationsnationen wie die USA, Kanada, Neuseeland oder Australien basieren alle auf dem Konzept des Schmelztiegels. Die Menschen, die nach Amerika gingen, veränderten alle ihre Sprache. Die Vereinigten Staaten begannen als angelsächsisches Land. Aber sie erlebten auch beachtliche Migration durch Deutsche im 18. Jahrhundert, so sehr sogar, dass Benjamin Franklin dies als Gefahr für die Integrität des amerikanischen Volkes ansah. Er hatte Angst, dass sie sich nicht anpassen würden. Aber dies geschah nicht, und die USA demonstrierten ihre Fähigkeit, alle Neuankömmlinge zu integrieren. Natürlich bleiben Teile der alten Traditionen bestehen, die die amerikanische Identität aber auch bereichern und verändern. Der Punkt ist, dass die Hauptidentität all dieser Zugereisten zu einer gemeinsamen amerikanischen Identität verschmolzen ist – wenn nicht in der ersten Generation, dann von der zweiten oder dritten Generation an, trotz der symbolischen Bedeutung, die in manchen Gemeinschaften erhalten bleibt. Juden passen sich nun beispielsweise in großen Zahlen an.

„In gewisser Weise wird die Nation als Familie wahrgenommen, und wir sind eher gewillt, mit Leuten zu teilen, die wir zu unserer nationalen Gemeinschaft zählen.”

 

Und diese Vereinigung zu einer gemeinsamen Identität lässt sich auch auf Australien, Neuseeland und teilweise Kanada anwenden. Kanada ist ein interessanter Musterfall, denn in Kanada, anders als in anderen Fällen, gibt es zwei ethnische Identitäten. Man hat die sogenannte kanadische Identität, die Migranten aus aller Welt aufnimmt, und man hat die Identität der Menschen aus Québec. Sie sprechen eine andere Sprache, sie haben das starke Gefühl, auf eine gewisse Weise einheimisch sowie eine eigenständige Gemeinschaft zu sein, und sie gefährden in der Tat die Integrität des Landes. Es könnte sich spalten. Also hängt die Identität einer Migrantennation von der Eingliederung der Neuankömmlinge in eine gemeinsame Kultur und Identität ab. Offensichtlich kann dies immer noch eine Verbindung zum alten Land beinhalten, besonders in der ersten oder zweiten Generation, aber insgesamt kann man die bemerkenswerte Erfolgsgeschichte des Schmelztiegels beobachten. Nun zu den anderen Beispielen.

Ja, Singapur ist ein einzigartiger Fall, wenn man bedenkt, dass es auch ein Stadtstaat ist. Aber was ist mit der Ukraine?

Erst einmal gibt es eine ukrainische Identität. Bis auf einen sehr kurzen Zeitraum war die Ukraine nie unabhängig. Zuerst wurde sie von Polen beherrscht und rebellierte dann gegen Polen. Diejenigen, die dies als sozialen Aufstand darstellen – da die ukrainischen Bauern vom polnischen Adel unterdrückt wurden –, vergessen, dass die Bauern in Polen nicht rebelliert haben. Der Aufstand war also sozial und wirtschaftlich, überschnitt sich aber auch mit nationalen Erwägungen. Ein Jahrzehnt nach der Revolte fielen die Schweden in Polen im Zuge der „Schwedischen Sintflut“ ein, und die polnische Bauernschaft, eine der am stärksten unterdrückten Bauernschaften in Europa, rebellierte gegen die Angreifer.

Es gibt also eine ukrainische Identität, aber die Sache ist nicht nur schwarz und weiß. Die Ukraine hatte eine langlebige Verbindung zu Russland und brauchte Unterstützung gegen Polen, also hatte sie keine andere Wahl, als sich selbst dem Zar zu unterwerfen. Damit versuchten die Ukrainer, ihre eigenen Rechte und ihre Identität zu sichern, aber nach einiger Zeit trampelten die Zaren auf den Vereinbarungen herum und machten in der Ukraine, was sie wollten. Viele Menschen in der Ukraine begannen, Russisch zu sprechen, die Großstadtbewohner sprachen Russisch, wenn sie nicht Jiddisch sprachen, also Juden waren. Der östliche Teil der Ukraine ist sehr uneindeutig, wenn es um Volkszugehörigkeit geht, es ist nicht klar, ob die Menschen dort Russen oder Ukrainer sind. Abgesehen davon gab es einen Unterschied, einen ethnischen Unterschied, einen Unterschied in der Identität, und unter den richtigen politischen Umständen gab es eine Spaltung. Dies schließt allerdings nicht die Möglichkeit aus, dass zwischen verschiedenen Teilen der Ukraine angespannte Verhältnisse herrschen, was wiederum zu weiteren Spaltungen führen kann, insbesondere mit ausländischer Beteiligung.

Heißt das, dass all diese Beispiele multi-ethnischer Staaten mit der prä-modernen Definition von Staatlichkeit funktionieren?

Die Ukraine ist nicht multi-ethnisch. Teile der Ukraine sind unbestimmt in Bezug auf ihre Ethnizität, aber die Ukraine ist überwiegend ukrainisch.

Mehrsprachig oder multi-religiös vielleicht. Wir haben ziemlich ausführlich über die Nation geredet, lassen Sie uns nun zum Thema Nationalismus kommen. Wenn Nationen prä-modern sind, dann ist es der Nationalismus auch. Wenn man den Brexit, Trump und den Aufschwung rechtsorientierter Parteien in Europa betrachtet, gibt es einen Wiederaufstieg des Nationalismus in Europa oder nicht?

Den gibt es. Nationalismus hat es immer schon gegeben, aber auch andere Kräfte. Da gab es die Mächte der europäischen Zusammenlegung, die in vielen Hinsichten ein Segen war, aber auch eine Gegenreaktion erzeugt hat, als die Leute fanden, dass es zu weit ging. Die Menschen haben ihre Wünsche in den Referenda ausgedrückt, die vor einem Jahrzehnt stattfanden, und mancherorts stimmten sie gegen ein Fortführen des Zusammenschlusses. Und die Union sagte: „Es gab zwar ein Referendum, aber wir beachten es nicht.“ Mit der Zeit reagierten die Leute darauf, besonders, als das Problem mit der Zuwanderung akut wurde, denn sie fühlten sich in ihrer nationalen Identität bedroht.

Sie erwähnten bereits die Flüchtlingskrise in Europa, die sehr stark mit dem drastischen Anstieg nationalistischer Tendenzen zusammenfiel. Ist der Nationalismus, den wir sehen, ein Zeichen dafür, dass die Menschen ihren wirtschaftlichen Status und ihre kulturelle Position behalten wollen?

Nein, ist er nicht. Einerseits spielen wirtschaftliche Erwägungen immer eine Rolle, aber es gibt auch noch andere, nationale Faktoren. Nehmen wir zum Beispiel Schottland: Es gibt eine sehr starke Wählerschaft in Schottland, die sich vom Vereinigten Königreich abspalten will. Wirtschaftliche Erwägungen sind ein Teil dieses Bildes. Aber im Norden Englands sind die wirtschaftlichen Zustände schlechter als in Schottland und schlechter im Vergleich zum wohlhabenden Südosten Englands. Trotzdem möchte sich niemand in Nordengland von Großbritannien trennen. Wenn man arm ist und sich demselben Volk zugehörig fühlt, ist man viel eher dazu bereit, wirtschaftliche Ungleichheit zu ertragen. Solche Leute versuchen oft, das System von innen heraus zu verändern – zum Beispiel, indem sie Sozialisten werden. Aber das bedeutet nicht, dass sie den Wunsch verspüren, sich abzuspalten.

„Nationalismus hat es immer schon gegeben, aber auch andere Kräfte. Da gab es die Mächte der europäischen Zusammenlegung, die in vielen Hinsichten ein Segen war, aber auch eine Gegenreaktion erzeugt hat, als die Leute fanden, dass es zu weit ging.“

 

Das Gleiche gilt auch für die andere Richtung. Wenn man wohlhabend in einem Nationalstaat ist, dann ist man viel eher gewillt, seinen Reichtum mit den Leuten zu teilen, die man als seine eigenen Leute wahrnimmt. Wenn die Reichen allerdings denken, dass sie ihr Geld an Ausländer verteilen müssen, vermindert sich diese Bereitschaft stark. Also sind wirtschaftliche Erwägungen offenkundig wichtig, aber sie sind eng verbunden mit nationalen Identitäten und damit auch mit dem Sozialstaat. In gewisser Weise wird die Nation als Familie wahrgenommen, und wir sind eher gewillt, mit Leuten zu teilen, die wir zu unserer nationalen Gemeinschaft zählen. Ethnisch gesehen ist es auch dann wichtig, wenn dies nicht klar definiert wird.

In Ihrem Buch bleibt eine der Nationen aus, die sich in neuester Zeit gebildet haben. Inwiefern unterstützt die Gründung Israels als Staat nach 2000 Jahren der Verstreuung die Idee des prä-modernen Ursprungs der Nation, beziehungsweise inwiefern fordert sie diese Idee heraus?

Die Juden waren eine prä-moderne Nation in der Antike: Juden waren im Wesentlichen ein prä-modernes Volk. Warum? Literarität war ein starker Motor für die Entstehung von Nationen, weil sie eine gewisse gemeinsame Identität erschuf – Anderson irrt sich natürlich nicht komplett –, und Juden wurden schriftkundig, damit sie die Thora lesen konnten. Doch nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 nach Christus wurden sie auf der ganzen Welt verstreut. Es gab scheinbar nichts, was sie hätte vereinen können, da sie kein Territorium teilten, und es gab auch keine Möglichkeit für politische Koordination. Aber es gab Antisemitismus, welcher das Hauptmotiv für den modernen Zionismus ist: Die Juden stellten fest, dass sie sich nicht integrieren konnten, auch wenn sie es wollten – viele von ihnen taten es natürlich trotzdem. Sie waren aber immer irgendwie gekennzeichnet. Die Gesellschaft, die sie umgab, sah sie nie als dazugehörig an.

Das zweite Element, das die jüdische Identität als Nation am Leben hielt und den Zionismus möglich machte, ist die jüdische Religion. Es ist ein Hauptbestandteil dieser Religion, dass die Juden ein Volk sind, ja sogar ein „auserwähltes Volk“, und dies spiegelt sich auch in der Bibel wider. Es handelt sich um eine nationale Religion und prägt den Menschen ein, dass sie, egal wo sie sind, ein Teil des israelischen Volkes sind. Wenn man durch die Jahrhunderte geht und dabei nach diesem fundamentalen kulturellen Grundsatz lebt, ist es einfach – beziehungsweise nicht einfach, aber verständlich – , dass unter modernen Umständen diverse Gemeinschaften sehr unterschiedlicher Kulturen aus der ganzen Welt unter der Idee zusammengebracht werden, die alte Nation im alten Land wieder aufleben zu lassen. Wenn die Vereinigten Staaten nicht im Jahr 1924 ihre Grenzen vor Migranten verschlossen hätten, dann wäre die Mehrheit der Juden – so wie sie es auch zuvor getan hat – nach Amerika eingewandert. Offiziell begann der Zionismus im Jahr 1882. Im Jahr 1924 gab es bereits ungefähr 100.000 Juden, die sich für Palästina entschieden hatten. Zur gleichen Zeit, vom Jahr 1880 an – dies war die Zeit der Pogrome in Russland – gingen 3,5 Millionen Juden aus Osteuropa, dem Zuhause von 80 Prozent des jüdischen Volkes zu dieser Zeit, nach Amerika. Und sie sind immer noch dort. Im Jahr 1924 schloss Amerika dann die Grenzen, also gingen die nächsten beiden Wellen von Migranten ins damalige Palästina. Die erste Welle in den späten 1920ern bestand aus jüdischen Migranten aus Polen aufgrund der dortigen antisemitischen Gesetzgebung, und die zweite Welle kam in den 1930ern aus Deutschland wegen Hitler. Wäre Hitler nicht gewesen, wären die deutschen Juden nicht nach Palästina gegangen, und wenn sie gekonnt hätten, dann wären sie in die Vereinigten Staaten oder nach Großbritannien ausgewandert. Aber sie gingen nach Palästina, weil es für sie die einzige Option war.

Also verdankt die Gründung Israels viel dem Zufall?

Ja, aber nicht nur. Denn das war ja genau das Problem der Juden. Ihr Problem war, dass sie nicht akzeptiert wurden. Dieses jüdische Problem erschuf den Zionismus, und das jüdische Problem war keine Sache des Zufalls. Es hatte viele Erscheinungsformen. Die Dinge und Umstände änderten sich: Russland öffnete sich und schloss sich dann wieder, die Sowjetunion kam, Hitler kam in Deutschland an die Macht, die USA änderten ihre Migrationspolitik, aber der grundsätzliche Zustand war, dass es ein riesiges jüdisches Problem in Osteuropa gab. Millionen über Millionen von Juden.

Herzl, der Gründer des Zionismus, war ein angepasster Jude. Er war vollständig eingetaucht in die wienerische und in die deutsche Kultur und wusste nichts vom Jüdisch-sein, er praktizierte die Religion auf keine Weise und sprach nicht die Sprache der Juden, Jiddisch. Er war komplett im kulturellen Leben von Wien verankert, welches eines der großen kulturellen europäischen Zentren war. Und dennoch fühlte er von einem bestimmten Moment an, dass die Juden niemals als Teil der europäischen Gesellschaft akzeptiert werden würden.

Eine Sache, die ich auffällig finde, ist, dass es Zionismus und Anti-Zionismus auf der ganzen Welt gibt. Warum ist das der Fall?

Zuerst einmal gibt es immer noch das Problem des Antisemitismus. Lassen Sie uns damit anfangen, und ich behaupte nicht, dass alles antisemitisch ist, aber es gibt immer noch offenen und verdeckten Antisemitismus. Das ist die eine Sache. Zum Zweiten gibt es Anti-Kolonialismus im Westen, ein starkes Schuldgefühl in Bezug auf die sogenannte „Dritte Welt“, die ehemaligen Kolonialreiche. Demnach war die einheimische Bevölkerung all dieser Orte schwerwiegenden Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten ausgesetzt. Die Juden, die nach Palästina gingen, werden als Teil dieses Phänomens angesehen. Aufgrund dieser Ansicht fand sich Israel immer mehr auf der falschen Seite der Debatte wieder. Insbesondere seit 1967, mit der Besetzung dieser Territorien.

Es gibt auch Anti-Amerikanismus, und Israel wird als starker Verbündeter der Vereinigten Staaten angesehen. Und es gibt eine große Gruppe von arabischen Staaten und hinter ihnen eine große Gruppe muslimischer Staaten, die mehr oder weniger verbündet sind. Dies sorgt dafür, dass der Konflikt sehr weit oben auf der globalen Agenda steht.

Zur selben Zeit, als Israel gegründet wurde, entstand eine andere Nation, und beide sind verbunden durch das gleiche Schicksal. Würden Sie sagen, dass Palästina als Nation ebenfalls in Ihre prä-moderne Definition passt?

Palästina ist eine neue Nation mit einer neuen nationalen Identität. Die Idee der Nation ist alt, aber nicht alle Nationen sind es. Zum Beispiel gehört Holland nicht zu den ältesten Nationen Europas. Zu den alten Nationen Europas zählen die Engländer, die Schotten, die Schweden, die Dänen, die Deutschen, die Serben, die Polen, die Russen – es gibt viele, aber Holland ist keine davon. Holland war Teil des deutschen Gebiets, doch aufgrund einer Spaltung im Habsburger Bereich wurde es vom Kaiserreich ausgeschlossen und kam in Konflikt mit Spanien. Es begann erst ab dem 16. Jahrhundert, eine separatistische Identität zu entwickeln. Genau wie im deutschen Bereich gab es auch in Holland lokale Identitäten. Sie führten auch eine separate literarische Sprache ein, die im Kontrast zum Schweizer Deutsch stand. Die gesprochene Schweizer Sprache ist für eine deutschsprachige Person so unverständlich, wie es die niederländische Sprache ist, aber die Schweizer benutzen Hochdeutsch, wenn sie schreiben, wohingegen die Niederländer ihre eigene Sprache entwickelt haben. Sie sind also eine relativ neue Nation, so wie es auch die Ukraine ist.

Die Palästinenser und die Arabische Welt sind im Ganzen ein wenig anders. Vor dem 20. Jahrhundert war der Nationalstaat aufgrund der andauernden Eroberungen durch Kaiserreiche, von den Assyrern bis hin zu den Ottomanen, nicht die geläufige Form der Organisation in Südwest-Asien. Im Wesentlichen fielen diese Territorien unter die Kontrolle einer Serie von Kaiserreichen, eins ersetzte das andere, was in Westeuropa nicht der Fall war. Was es hier also gab, war eine imperiale Struktur. Darunter gab es hauptsächlich lokale, religiöse und stammeszugehörige Identitäten. Es gibt einen ägyptischen Witz, der sagt, dass alle anderen arabischen Staaten, abgesehen von Ägypten, nur „Stämme mit einer Flagge“ sind. Ägypten hatte und hat immer noch eine starke nationale Identität, aber in anderen arabischen Ländern ist alles ein wenig instabil, wie wir im Moment als Folge des „Arabischen Frühlings“ sehen können.

Aus diesem Grund hatten die Palästinenser keine separate Identität, bis die Zionisten kamen. Sie sahen sich selbst als Teil der arabischen Welt oder als Muslime oder Christen. Doch mit der Zeit entwickelten sie wegen des Konflikts mit den Zionisten und Israel eine separate Identität. Die palästinensische Definition ihrer nationalen Identität ist: das palästinensische Šaʿb, das bedeutet Volk, in der arabischen Ummah, der arabischen Nation. Aber all das liegt noch nicht weit zurück und steht immer noch unter starkem Druck von lokalen Kräften und von Stammes- und Halbstammes-Identitäten: der Hamula, der erweiterten Familie. Die Struktur des Klans ist immer noch machtvoll an vielen Orten im Mittleren Osten, ebenso ist es der Aufruf zum Islamischen Universalismus. Also ja, es gibt eine palästinensische Identität, aber diese existiert unter den vorher beschriebenen Qualifikationen, Druckausübungen und streitenden Mächten.

 

Interview: Marian Blok

Übersetzung: Leonie Dieske

 

Prof. Dr. Azar Gat, Tel Aviv University