Vol. 2 Nationalism

Nationale Identität und Psychologie

„Eine Öffnung gegenüber dem Fremden setzt eine sichere Identität voraus“

Interview mit Herrn Prof. Dr. Ulrich Schmidt-Denter, Professor für Entwicklungs- und Erziehungspsychologie der Universität zu Köln

 

Nähert man sich dem Thema Nationalismus aus psychologischer Perspektive, bietet es sich an, zunächst einen anderen Aspekt in den Fokus zu stellen: Das Konstrukt der nationalen Identität. Entwicklungspsychologe Ulrich Schmidt-Denter erklärt im Gespräch, was diese Identität mit Abgrenzung zu tun hat, welche Funktion sie erfüllt – und wieso sich die deutsche nationale Identität von der anderer Europäer unterscheidet.

 

Herr Prof. Dr. Schmidt-Denter woher kommt das Bedürfnis, sich einer Nation zugehörig zu fühlen?

Der Mensch ist ein soziales Wesen: Die Zugehörigkeit zu Gruppen sichert unser Überleben. Wir sind daher auf soziale Bindung vorprogrammiert. Die Identifikation mit Gruppen bildet eine Voraussetzung für Solidarität und Hilfsbereitschaft und ist somit wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

„Die Geschichte der Menschheit ist trotz aller Kriege und Grausamkeiten primär eine Geschichte der Kooperation.“

 

Nationen im westlichen Sinne spielen diesbezüglich nach wie vor eine besondere Rolle, weil sie ein vergleichsweise hohes Maß an Demokratie und sozialstaatlicher Ordnung entwickelt haben. Beides beruht auf Massensolidarität.

Welche Rolle spielt dabei die Abgrenzung zu anderen Nationen?

Wo es ein „Innen“ gibt, existiert auch zwangsläufig ein „Außen“. Das Erleben der „Anderen“ nimmt ein breites Spektrum ein. Es reicht von Angst und Bedrohung über Neugier und Faszination bis hin zu engem Austausch und Symbiose. Die Geschichte der Menschheit ist trotz aller Kriege und Grausamkeiten primär eine Geschichte der Kooperation. Es kommt darauf an, zu erkennen, welche Bedingungen für den internationalen Zusammenhalt förderlich sind, und diese politisch zu nutzen.

Im Alltag gebrauchen wir oft Begriffe wie nationale Identität, Patriotismus und Nationalismus, ohne sie voneinander abzugrenzen. Wie würden Sie diese Begriffe aus psychologischer Perspektive definieren?

Die nationale Identität kann als Teilaspekt der sozialen Identität verstanden werden. Die Entwicklung einer „Identität“ ist etwas spezifisch Menschliches, das heißt, alle Menschen suchen Antworten auf die Fragen „Wer bin ich?“ – also ihre personale Identität – und „Wer sind wir?“, „Zu welchen Gruppen gehöre ich und von welchen grenze ich mich ab?“ – also ihre soziale Identität. Zu diesen Gruppen kann zum Beispiel eine Freundesclique genauso gehören wie ein bestimmter Berufsstand oder eben eine Nation. Von daher ist der Begriff recht neutral gehalten, er beschreibt nur das Bewusstsein über die Gruppenzugehörigkeit. Stärker mit Affekten und Bewertungen verbunden sind dagegen die Begriffe „Patriotismus“ und „Nationalismus“. Der Patriotismus bezeichnet eine positive Bindung an die eigene Nation, von Nationalismus spricht man in der psychologischen Forschung dann, wenn die Bewertung der eigenen Nation übersteigert und unkritisch ist sowie mit der Abwertung anderer Nationen einhergeht.

Sie haben in der Vergangenheit schwerpunktmäßig zum Nationalgefühl der Deutschen geforscht. Was haben Sie herausgefunden?

Unsere Untersuchungen, die zwischen 1999 und 2015 an der Universität zu Köln stattfanden, begannen mit einer breit angelegten kulturvergleichenden Studie zur personalen und sozialen Identität in zehn europäischen Ländern – Deutschland und alle angrenzenden Staaten. Wir wollten wissen, in welchem Maße Prozesse der Europäisierung und Globalisierung zu einer Angleichung geführt haben oder ob noch nationale Besonderheiten nachweisbar sind.

„Die Deutschen nehmen im Nationalstolz den letzten Platz ein.“

 

In Bezug auf Deutschland wurde die Kohärenzhypothese weitgehend bestätigt: Das heißt, die Deutschen sind ziemlich normale Europäer. Es gibt nur wenige, aber dann doch sehr markante Unterschiede zu den Nachbarländern. Die Besonderheiten betreffen zum einen das ungewöhnlich hohe Maß an selbstkritischer Reflexion und zum anderen die verunsicherte Haltung zur eigenen Nation.

Das zeigt sich beispielsweise auch im Umgang mit Nationalstolz. In Deutschland ist die Annahme verbreitet, es sei problematisch, stolz auf seine Heimat zu sein. In anderen Ländern – zum Beispiel in den USA oder in Frankreich – wird Nationalstolz hingegen gerne zelebriert. Woraus ergeben sich diese Unterschiede?

Gerade in dem vergleichsweise schwach ausgeprägten Nationalstolz kommt diese Verunsicherung zum Ausdruck. Es gibt zahlreiche weltweit durchgeführte Vergleichsstudien, die durchgängig zu demselben Ergebnis kommen wie unsere europäische Untersuchung: Die Deutschen nehmen im Nationalstolz den letzten Platz ein. Wenn man nun sieht, wie sich die Lebensbedingungen in vielen anderen Ländern darstellen, erscheint es wenig plausibel, dass es in Deutschland wirklich nichts geben soll, auf das man stolz sein kann. Die Zurückhaltung ist wohl eher dadurch begründet, dass der Begriff und die Thematik tabuisiert sind. Dies erzeugt bei den Befragten Befangenheit und auch Angst, sich zum eigenen Land zu bekennen, während patriotische Äußerungen in den USA und anderen Ländern leicht über die Lippen gehen.

Welcher Ansatz ist aus Ihrer Sicht der „gesündere“?

Diesbezüglich gibt es in Deutschland eine kontroverse Diskussion. Einige Autoren meinen, dass es nur auf die personale Identität ankomme. Ich-starke Individuen würden gar keine kollektive Identität benötigen; diese sei nur eine „Krücke“ für ich-schwache und von Minderwertigkeitsgefühlen geplagte Menschen. Nur die Identifikation mit einer glorifizierten Nation könne ihnen Halt geben. Empirisch wurde dieses Einstellungssyndrom vor allem in klinischen Studien mit extremistischen Jugendlichen gefunden.

Wenn man diese sogenannte Kompensationshypothese auf die Bevölkerung insgesamt anwendet, verkennt man jedoch die Bedeutung, die die Gruppenzugehörigkeit auch für das Selbstbild und somit für die psychische Gesundheit des Individuums hat. Die Bewertung der Gruppen, denen wir angehören, definiert uns auch als Person. Darum sind wir an einer positiven Bewertung der Gruppen, denen wir angehören, interessiert. In allen groß angelegten Studien konnte somit das sogenannte Kohärenzmodell bestätigt werden: Personale und soziale Identität ergänzen sich und bilden eine Einheit. Individuelle Lebenszufriedenheit und psychische Stabilität korrelieren positiv mit sozialer Identifikation und Nationalstolz. Das befriedigende Erleben eines Zugehörigkeitsgefühls ist die Basis für Gesundheit und ein zentrales Kriterium für eine gelungene Identitätskonstruktion. Seit der internationalen „World Value Study“, die Anfang der 1980er Jahre durchgeführt wurde, bis hin zu unserer neueren Untersuchung konnte dies wissenschaftlich nachgewiesen werden.

Die Studienergebnisse würden im Umkehrschluss auch bedeuten, dass die deutsche Bevölkerung im Schnitt unzufriedener und psychisch instabiler ist als andere Europäer.

Die Ergebnisse der „Glücksforschung“ weisen jedenfalls in diese Richtung. In regelmäßigen Abständen werden seit Jahrzehnten mit der „Life-Satisfaction-Scale“ international vergleichende Untersuchungen durchgeführt. Die relativ niedrigen subjektiv empfundenen Glückswerte der Deutschen stehen dabei in keinem angemessenen Verhältnis zu den objektiv sehr günstigen Lebensbedingungen. Allerdings hat die als „Sommermärchen“ erlebte Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, während der die Deutschen unbefangen mit ihren nationalen Symbolen umgingen, eine Trendwende bewirkt. Sie verbesserten sich vom 36. auf den gegenwärtig 16. Platz in der Rangfolge glücklicher Nationen.

Wieso ist dabei gerade das Nationalgefühl von Bedeutung? Erfüllt das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Familie oder einem Sportverein nicht eine ähnliche Funktion?

Alle signifikanten Bezugsgruppen erfüllen diese stabilisierende Funktion. Am günstigsten ist es, wenn sie sich dabei ergänzen und nicht gegenseitig kompensieren müssen. Es kommt dann zu einem für die psychische Gesundheit wichtigen Kohärenzgefühl. In der empirischen Forschung bedeutet dies, dass die Korrelationen in der Regel positiv sind, dass also zum Beispiel sichere familiäre Bindungen auch eher mit nationaler Identifikation einhergehen.

Warum unterscheidet sich denn das Nationalgefühl der Deutschen von dem anderer Nationen?

Diese Frage haben wir uns natürlich auch gestellt. Historiker weisen gerne darauf hin, dass es auch schon in früheren Epochen als typisch deutsch galt, viel über sich selbst nachzudenken und über nationale Identitätsprobleme zu streiten. Im Kern ging es darum, die feudale Kleinstaaterei zu überwinden und einen Nationalstaat zu definieren. Heute wirken aber andere Probleme belastend, wie uns die befragten Jugendlichen mitteilten. Sie nannten als Grund für ihre Befangenheit die deutsche Geschichte, wobei sie „die“ Geschichte mit den 12 Jahren der Nazi-Herrschaft und insbesondere mit dem Holocaust gleichsetzten. Daraufhin haben wir zwangsläufig unseren Untersuchungsansatz erweitern müssen und die sogenannte „Holocaust Education“ fokussiert.

Um das herauszufinden, analysierte Ihre Doktorandin Silviana Stubig die Auswirkungen des Geschichtsunterrichts auf die Identitätsbildung von Schülerinnen und Schülern der neunten Klasse. Welche Auswirkungen hatte der Unterricht auf die Jugendlichen?

Wie sich herausstellte, wird das „Dritte Reich“ im Vergleich zu anderen Epochen als übergewichtet und erdrückend erlebt, unter anderem weil es auch in mehreren anderen Fächern wie zum Beispiel Deutsch, Religion, Sozialwissenschaften und an Gedenktagen durchgenommen wird. Neben den angestrebten historischen Kenntnissen zeigten sich leider viele emotionale Belastungen, Schuld- und Schamgefühle sowie Verunsicherungen der nationalen Identität. Diese beunruhigenden „Nebenwirkungen“ sollten meines Erachtens in der Pädagogik und Geschichtsdidaktik eingehender diskutiert werden. Dies wäre nicht zuletzt deswegen geboten, weil Jugendliche mit Migrationshintergrund positive Identitätsangebote bezüglich des Zuwanderungslandes in besonderer Weise benötigen. Abschreckende Selbstdarstellungen und -inszenierungen belasten den Prozess der psychischen Integration und können einen Rückzug auf die Herkunftsidentität bewirken.

Ergebnisse Ihrer Forschung haben Sie bereits 2012 in „Die Nation, die sich nicht mag“ publiziert. Die politische Kultur in Europa hat sich in den Jahren danach jedoch deutlich verändert: Die nationalistischen Strömungen in vielen Ländern haben deutlich zugenommen. Lassen sich Ursachen herausfiltern, die dieser Entwicklung zugrunde liegen?

Schon zu Beginn unserer Studie sind wir davon ausgegangen, dass wir es mit zwei gegenläufigen Prozessen zu tun haben werden: dem Bedürfnis nach Öffnung und nach Abgrenzung von anderen Kulturen. Beide Strebungen sind in der menschlichen Motivlage und im Verhalten ständig vorhanden und müssen ausbalanciert werden. Wenn nun das Bedürfnis nach Abgrenzung stärker geworden ist, dann dürfte dem das Gefühl der Bedrohung und des Kontrollverlustes zugrunde liegen, beispielsweise im Kontext der Flüchtlingskrise. Es gehörte bereits zu den Grundüberzeugungen von Erik H. Erikson, dem Nestor der psychologischen Identitätsforschung, dass die Öffnung gegenüber dem Fremden eine sichere Identität voraussetzt.

Wie hat sich das Nationalgefühl der deutschen Bevölkerung und unserer europäischen Nachbarn seit Ihrer Veröffentlichung verändert?

Die psychologische und soziologische Forschung unterscheidet schon seit langem verschiedene politische Milieus in der Bevölkerung, die sich zum Beispiel entlang der Dimension „Nationalistisch vs. Internationalistisch“ anordnen lassen. In Deutschland ist das internationalistische Milieu, das die Nationalstaaten abschaffen möchte, stärker ausgeprägt als in unseren Nachbarländern – vor allem den östlichen, aber auch den westlichen. Ob es nun in den letzten Jahren eine bedeutsame quantitative Verschiebung zwischen den Milieus gegeben hat, kann ich den vorliegenden Datenerhebungen nicht entnehmen.

„Man sollte der Versuchung widerstehen, die Geschichte prognostizieren oder gar ihrem Verlauf eine Gesetzmäßigkeit unterstellen zu wollen.“

 

Man kann aber sagen, dass die Polarisierung zugenommen hat und dass es einen verschärften Kampf um die Meinungsführerschaft gibt. Dieser Prozess hat spätestens zur Zeit der sogenannten Flüchtlingskrise eingesetzt.

Bei der aktuellen Bundestagswahl ist die rechtspopulistische AfD mit 12,6 Prozent drittstärkste Kraft geworden. Deutet das nicht auf einen Rechtsruck in der Bevölkerung hin?

Die Frage dabei ist: Was nimmt man als Indikator für einen Rechtsruck? Parteipräferenzen sind da denkbar, allerdings wäre es sinnvoller, Messinstrumente zu verwenden, die nicht so anfällig für den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Kontext sind, sondern stabilere politische Überzeugungen erfassen. Außerdem sagen die wenigsten AfD-Wähler in Befragungen, dass sie die Partei aufgrund ihres Programms gewählt haben. Die meisten geben Protest gegen die etablierten Parteien als Motiv an. Das ist aber keine generalisierte Veränderung ihrer Persönlichkeit, sondern eine akute Reaktion auf eine veränderte Situation – in diesem Fall die Flüchtlingskrise. Seit Ende des zweiten Weltkriegs gab es schon mehrere Aufgipfelungen von Parteien rechts der CDU. Keine hatte nachhaltig Erfolg.

In Zeiten der Globalisierung, der EU, nimmt die globale Vernetzung immer weiter zu – und die Bedeutung von Landesgrenzen nach und nach ab. Ist das Konzept der nationalen Identität nicht ohnehin überholt?

Man sollte der Versuchung widerstehen, die Geschichte prognostizieren oder gar ihrem Verlauf eine Gesetzmäßigkeit unterstellen zu wollen. Damit ist zuletzt der Marxismus beziehungsweise der reale Sozialismus gescheitert. In unserer Studie haben wir durchaus pro-europäische Einstellungen in allen Teilnahmeländern gefunden, nirgendwo war man jedoch bereit, deswegen auf die eigene nationale Identität zu verzichten. Dies gilt mehrheitlich sogar für Deutschland, obwohl es hier eine Strömung gibt, die hofft, durch Übernahme einer europäischen Identität die eigene, als belastet erlebte nationale Identität loszuwerden. Dieses Motiv zeigte sich in den anderen Teilnahmeländern allerdings nicht. Die anderen EU-Mitglieder werden uns also nicht dabei helfen, auf diese Weise unsere Identitätsprobleme zu lösen. Die Voraussagen von Jürgen Habermas in Bezug auf eine „postnationale Konstellation“, der zufolge die Deutschen nur die Vorreiter einer globalen Entwicklung zur Überwindung des Nationalen seien, haben sich nicht erfüllt, wie er anlässlich seiner Dankesrede zur Verleihung des Staatspreises NRW selbst zugeben musste. Niemand wird diesen Weg mit uns gehen.

 

Interview: Eliana Berger

 

Prof. Dr. Ulrich Schmidt-Denter, Universität zu Köln