Vol. 2 Nationalism

Nationalismus in Europa

Wir müssen die Verknüpfung von Nation und Demokratie überwinden.“

Interview mit Prof. Dr. Ulrike Guérot, Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung der Donau-Universität Krems

 

Hat der Nationalstaat ausgedient? Und was kommt dann? Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot entwirft ein Europa der Zukunft: mit starken Regionen und einer Demokratie. Wie unser Leben 2045 in der europäischen Republik aussehen könnte und warum wir genau jetzt in einem historischen Moment stecken, wird in diesem Interview diskutiert.

 

Frau Prof. Dr. Guérot die Wahlen in den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und Österreich 2017 zeichnen einen Trend hin zu nationalistischem Denken und Handeln. Ist dies Zeichen einer Spaltung innerhalb der Länder oder entzweit sich ganz Europa?

Ich glaube, dass es Zeichen einer Spaltung der Gesellschaft Europas und nicht der einzelnen Länder ist. Uns wird gerade erzählt, dass wir eine Renationalisierung erleben, aber das stimmt nicht. Wir haben große Bevölkerungsschichten, die sich nicht renationalisieren lassen, die nicht für nationale und populistische Argumente anfällig sind.

„Wir erfahren keine Renationalisierung, sondern eine Politisierung Europas.“

 

Diese Bevölkerungsschichten gibt es in Irland, Großbritannien, Frankreich und Deutschland – einfach überall. Medien schauen auf die populistische Bedrohung und behaupten dann zum Beispiel, dass Polen jetzt renationalisiert ist.

So einfach ist es also nicht?

Nein. Im Oktober 2017 war ich in Warschau. Man kann nicht sagen, dass ganz Polen renationalisiert wird. Es gibt großen zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen die neuen Justizreformen. Momentan gibt es Ambitionen der PiS-Regierung, das Land nach rechts zu rücken, im gleichen Atemzug muss man aber sagen, dass sich die Hälfte der Bevölkerung dagegen wehrt.

Es gibt also zwei Lager in Polen. Wie kann man diese Situation auf Gesamteuropa übertragen?

Ich mache daraus das Argument, dass wir eben keine Renationalisierung, sondern eine Politisierung Europas erfahren, die sich dann wieder nach links und rechts auseinanderdividiert. Wir können den Rechtsdruck in verschiedenen Ländern messen, dieser ist teils transnational organisiert. Aber wir sehen eben auch die gesellschaftliche Gegenbewegung. Wir sind nicht zum ersten Mal in der Geschichte an einem Punkt, an dem wir erleben, dass es eine Zivilgesellschaft gibt, die sich transnational gegen den aufkeimenden Nationalismus organisiert. Ich empfinde zum Beispiel mehr Verbundenheit mit einer Polin, die gegen die Abtreibungsgesetze demonstriert, als mit einem Deutschen, der Mitglied bei Pegida ist. Ich denke, dass es vielen Leuten so geht.

Wie sollte die europäische Zivilgesellschaft Ihrer Meinung nach mit dieser Politisierung umgehen?

Wir erleben gerade einen historischen Moment in der Geschichte. Stephan Zweig beschreibt das sehr schön: Es ist der Zeitgenossenschaft vorenthalten, zu verstehen, in welcher großen historischen Bewegung sie steht. Denn das können wir ja erst erfassen, wenn diese Bewegung irgendwann abgeschlossen ist und wir rückblickend darauf schauen können und dann vielleicht sagen: „Das waren die Jahre, als Europäer den Nationalstaat abgeschafft haben. Die Stimmung war etwas unruhig und es hat vielen Leuten Angst gemacht, aber am Ende sind sie durch das Nadelöhr gekommen.“ Das als historischen Prozess zu konzeptualisieren, ist die Denkleistung der heutigen Stunde, und zwar um sich dagegen zu stemmen, dass wir, vereinfacht ausgedrückt, den Film von vor 100 Jahren wiederholen und uns wieder nationalisieren.

Wie kommt es denn dazu, dass der Wunsch nach Nationalisierung in der Geschichte wieder aufkommt?

Es gibt eine Menge soziologische und historische Theorien, die diese Frage ausdifferenzieren. Der französische Soziologe Michel Dobry sagt, wenn Gesellschaften unter Stress geraten, dann durchleben sie eine Regression zu dem letzten Zustand des „Normalen“. Genau das passiert momentan: Wir sind als Gesellschaft unter Stress, denn Globalisierung, Modernisierungsprozesse, Flüchtlinge, all diese komplexen Themen gehen uns zu schnell, wir verstehen sie nicht richtig. In solchen Stressmomenten, in denen die Gesellschaft große Herausforderungen bewältigen muss, kann sie das nicht, sondern schreckt davor zurück. Der Moment des Zurückschreckens bedeutet, dass man sozusagen auf das letzte Level der Komfortzone zurückfällt. Und deswegen sehnen wir uns gerade nach dem schönen heimeligen Nationalstaat. Marine Le Pen träumt von der „France profonde“ und die „Alternative für Deutschland“ von der Bundesrepublik vor 1989. Diese Regression, wie sie genannt wird, ist eine Reaktion der Unfähigkeit, auf das Chaos der Krise zu antworten, indem man sich den letzten historischen Zustand wünscht, der einem als vertraut erscheint. Eine wichtige Frage ist, ob wir gerade nur aufgrund akuten gesellschaftlichen Stresses, den wir an verschiedenen Punkten festmachen können, wie zum Beispiel Modernisierung, auf das letzte Komfortniveau zurückfallen, oder ob die Europakritik von heute in Perioden vor unserer Zeit verankert ist. Die Frage ist also, ob es historische Tiefenströmungen der longue duré gibt, also gesellschaftliche Schichtungen und Prozesse, die Europa, so wie wir es uns wünschen, die eine europäische Demokratie, eigentlich unmöglich machen.

Flüchten sich manche Menschen also in die Idee, dass es uns im vertrauten Nationalstaat am besten geht?

Wir haben tatsächlich die Illusion, dass es uns irgendwann mal in einem Nationalstaat richtig gut gegangen ist. Diese Illusion ist natürlich immer nur rückwärtsbetrachtet so heimelig und schön. Jede Generation hat ihre Krise. Das ist es ja, was den Populismus so absurd macht. Populismus hat den Nostalgiefaktor, dass irgendwann mal die Zeiten grün und stimmig für alle gewesen sind, aber das war tatsächlich nie so. Denn jedes gesellschaftliche System hat einen Preis. Nur sind es nicht immer die gleichen, die für das System bezahlen. Das vergessen wir gerne in der Erzählung. In der Regression scheint es, als ob es damals in einem anderen System mal schick und schön für alle gewesen ist.

Gemeinsam mit Robert Menasse, der 2017 den Deutschen Buchpreis für seinen Roman „Die Hauptstadt“ erhalten hat, haben Sie das Manifest zur Gründung einer Europäischen Republik geschrieben. Dieses Manifest sieht die Föderation vieler regionaler Einheiten ohne nationale Zwischeninstanz vor, der Nationalstaat hätte also ausgedient. Viele bezeichnen Sie als Utopisten. Wie realistisch ist Ihre Idee von der Europäischen Republik?

Denjenigen, die sagen, Robert Menasse und ich seien Utopisten, denen müsste man in Analogie sagen, dass Jean Monnet und Walter Hallstein auch Utopisten waren, wie auch all die anderen, die in den 1930er und 1940er Jahren über Europa nachgedacht haben. Eine Utopie ist immer nur eine Utopie, bis die Dinge dann einfach gemacht werden. Die Leute im Krieg hatten eine Sehnsucht nach Frieden, eine Sehnsucht nach Europa und eine Sehnsucht nach Transnationalität. Irgendwann wurde dann ein Europa entworfen, das die Überwindung der Nationalstaaten zum Ziel hatte. Das muss man in Erinnerung rufen. Vor allem heute, in einer Zeit, in der uns gesagt wird, dass wir uns renationalisieren und dass die Nation als einzige Komfortzone für sozialen Schutz unverzichtbar sei. Es muss doch möglich sein, dass wir uns nicht mehr als Nationalstaaten sprichwörtlich die Köpfe einschlagen, sondern dass wir uns als politische Einheit auf diesem Kontinent verstehen. Deshalb wollen Robert Menasse und ich von wissenschaftlicher und künstlerischer Seite klar vermitteln: Europa bedeutet die Überwindung der Nationalstaaten. In einer Europäischen Republik müsste keiner Angst haben, ihm würde die Identität genommen oder dass er ein zweite-Klasse-Europäer sei, denn alle Europäer wären gleich vor dem Recht. Die Regionen bieten Identität, Heimat, dezentrale Strukturen und Partizipation, sprich eine identitäre Wohlfühlzone.

Es ist 2045 und die Europäische Republik ist Wirklichkeit geworden. Wie sieht unser Leben in der Europäischen Republik aus? Gibt es dann noch Länder wie Deutschland oder Frankreich?

Erstens kommt es immer anders, zweitens, wenn du denkst. In meinem Buch habe ich versucht, die Möglichkeiten zu Ende zu denken. Ich habe ein relativ amerikanisches politisches Modell erstellt, in dem wir 50 bis 55 Regionen haben, wie zum Beispiel Flandern, Bayern oder Katalonien, die sich ja bereits anbieten. Das wären jeweils Regionen mit etwa acht bis 15 Millionen Einwohnern und wir föderieren à la Montesquieu kleine Einheiten in einer großen Einheit: der Europäischen Republik. Es würde jeweils zwei Senatoren pro Region geben. Außerdem wären wir als europäische Bürger gleich vor dem Recht. Wir würden also das wahrmachen, was Stephan Zweig immer gesagt hat: Europa, das heißt keine Distinktion nach Nationalität.

Was bedeutet das konkret?

Das bedeutet zum Beispiel, wir hätten eine europäische Arbeitsversicherung. Ob Sie also jetzt von Paris nach Barcelona umziehen und dort arbeiten, ist für die Portabilität Ihrer Sozialrechte unerheblich. Wir hätten einen europäischen Pass, European Citizenship, und wir würden den europäischen Präsidenten direkt wählen. Wahrscheinlich wäre es in diesem Modell tatsächlich so, dass wir so leben wie die Amerikaner heute: Nicht jeder, der morgens in Kalifornien aufwacht, denkt ständig darüber nach, wie es den anderen in Alaska gerade geht. Das Problem mit solchen Modellen ist ja, dass sie notwendigerweise immer auf das zurückgreifen, was man schon kennt.

„Europa bedeutet Einheit in Vielfalt.“

 

Ich bin mir indes sicher, dass sich die Demokratie unter Bedingungen des Internets stark verändern wird, und zwar so, wie wir es uns heute noch nicht vorstellen können. Wie man sich 1850 auch noch nicht vorstellen konnte, dass man mit Flugzeugen fliegen wird, und heute ist das ganz normal. Wir wissen noch nicht, welchen Innovationssprung wir machen werden und welche Rückkoppelung dieser Innovationssprung auf die Art und Weise haben wird, wie wir unser gesellschaftliches Gemeinwesen gestalten werden.

Welche Sprache sprechen wir in der Europäischen Republik?

Es werden alle Sprachen gesprochen. Wir werden uns auf eine Verkehrssprache einigen müssen, ganz egal ob Englisch, Esperanto oder Latein. Wir werden vermutlich von Google Translate profitieren und mit Spracherkennungssystemen arbeiten. Wir können uns auch in Erinnerung rufen, dass es in Indien 29 Sprachen und 17 Schriftsprachen gibt und die Inder auch bei ungleich kleinerem Bruttoinlandsprodukt trotzdem eine Demokratie haben, eine Person und eine Stimme. Sprache sollte also nicht das Problem sein.

Wie kann in der Europäischen Republik die kulturelle Vielfalt bestehen bleiben?

Europa bedeutet Einheit in Vielfalt. Das war immer unser Mantra. Die Fehlstellung des europäischen Diskurses ist natürlich, dass die Gegner denken, europäische Identität hieße, dass man seine nationale Identität aufgeben muss. Keiner möchte in einer Einheitssauce verschwinden. Darum geht es aber auch gar nicht. Es geht darum, dass wir zwischen normativer Einheit und kultureller Vielfalt trennen. Wir können normative Einheit, also Gleichheit vor dem Recht, haben und trotzdem kulturell unterschiedlich sein. Wir sind auch in der heutigen Bundesrepublik normativ geeint: Zwischen Rügen und Freiburg wählen die Leute den Bundestag nach den gleichen Bedingungen, bekommen das gleiche Hartz IV und zahlen die gleichen Steuern, sind aber kulturell vielfältig. Zum Beispiel haben sie im Schwarzwald diesen Hut mit den roten Bömmeln und in Bayern Haxe.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron scheint für Europa ähnliche Ideen wie Sie im Blick zu haben.

Durch Macron gibt es in der Politik endlich einen realen Resonanzboden für neues Denken in Hinblick auf Europa. Das, was Macron sagt, ist das, was wir seit mindestens fünf Jahren hätten machen sollen. Das ist alles schon in den Schubladen. Mit Blick auf die ursprünglichen Europavorstellungen der 1940er Jahre und den Grundgedanken, dass wir als Bürger gleich vor dem Recht sind und dezentrale Strukturen wollen, kann man feststellen, dass Macron weder häretisch noch neu ist. Wir sollten diese Ideen nun jedoch wirklich umsetzen! Macron spricht im Spiegel-Interview vom Oktober 2017 davon, dass wir ein neues politisches Heldentum brauchen, und er hat Recht. De Gaulle war ein Held, genauso wie Adenauer und Kennedy. Vor lauter politischer Correctness und „Politik ist Konsens-Sauce“ haben wir vergessen, dass diejenigen, die wir ex-post als politische Helden werten, wie Churchill oder Willy Brandt, die großen Figuren, Mut gehabt haben, in einer bestimmten Situation etwas Großes zu tun

Haben Sie also auf jemanden wie Macron in der Politik gewartet, damit die Europäische Republik Wirklichkeit werden kann?

Ideen brauchen Zeit, bis sie reif und entwickelt sind, und dann muss noch die Zeit kommen, in der die Idee durch die Tür der Geschichte gehen kann. Ich glaube tatsächlich, dass die Idee einer Europäischen Republik inzwischen gereift ist. Von Victor Hugo über verschiedene andere Akteure der 1940er Jahre bis heute. Die Idee ist wie ein Edelstein, der inzwischen geschliffen ist. Denken ist ja, das übersehen die meisten Leute, ein Prozess wie Bildhauerei oder Schleifen. Man schleift etwas so lange, bis es glasklar ist. Auch Bildhauer müssen ab und an zurückgehen und sich wieder nähern, wenn sie etwas aus dem Stein heraushauen. Der Denkprozess ist nichts anderes, als irgendwann einmal die geschliffene Idee oder das geschliffene Wort herauszuholen. Und ich glaube, dass wir inzwischen die Europäische Republik als Idee so sehr geschliffen haben wie einen Diamanten.

„Europa bedeutet die Überwindung der Nationalstaaten.“

 

Diese Idee ist nun sichtbar und klar und kann jetzt durch die Tür der Geschichte gehen – und Macron ist definitiv jemand, der die Tür dieser Geschichte aufmacht, vor allem mit seinen beiden Reden von Athen am 7. September und in der Sorbonne am 26. September 2017. Jetzt kann man nur hoffen, dass er sie so lange offenhält, bis die anderen durch die Tür gehen. Macrons Handeln und die Zeit zwischen jetzt, der neuen deutschen Regierung und der Europawahl 2019, die ja praktisch zeitgleich mit dem Brexit stattfinden wird, sind für mich die historische Sekunde, in der etwas passiert. Im besten Fall geht der Diamant der Europäischen Republik durch die Tür. Sonst wird etwas anderes passieren. Aber es wird etwas passieren, weil die Zeit dafür reif ist. Jeder, der denken kann, fühlt das. Auch deshalb, weil „alternativlos“ kein Gesetz der Geschichte ist.

Was passiert mit unseren Rechten, wenn wir nicht mehr Bürger eines Nationalstaates sind?

Auf Dauer müssen Menschenrechte und Bürgerrechte fusionieren. Heute trennen wir diese noch. Wenn Sie Staatsbürger eines Staates sind, haben Sie Bürgerrechte, zum Beispiel in Form von Sozialhilfe. Menschenrechte generieren Sie nur aus der Genfer Flüchtlingskonvention. Die theoretische Frage ist: Gibt es Bürgerrechte ohne Staaten? Dazu haben sich Philosophen wie Etienne Balibar mit seinem Buch „Egaliberté“, oder auf Deutsch „Gleichfreiheit“, 2012 schon geäußert. Trotzdem haben wir noch nicht den Trick gefunden, wie wir diese Forderung, „Weltbürger“ zu werden, wie Kant gesagt hat, umsetzen können. Weltbürger zu sein, würde bedeuten, dass jeder Bürgerrechte hat, ohne einem bestimmten Staat zugehörig sein zu müssen. Das ist die theoretische Großbaustelle des 21. Jahrhunderts, die mit der Flüchtlingsfrage noch massiver geworden ist. Das Ziel wäre für mich, dass die Europäer diesen Prozess andenken und von Europa aus in die Welt tragen.

Wäre da nicht die große Anzahl derer, die dagegen arbeiten …

Das ist das Risiko für die jüngere Generation, also die heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, und eine meiner großen Sorgen. Die Frage ist, welcher Teil der Jugend den wirtschaftlichen Treiber, also politische und wirtschaftliche Funktionseliten, hinter sich hat. Sie sagen zu Recht, die anderen – also die Nationalisten und Populisten – arbeiten auch. Diejenigen, die die völkischen, rassistischen und Renationalisierungsdebatten führen, die gibt es ja. Nationalismus fällt nicht vom Himmel, Nationalismus wird gemacht: Es wird darüber gesprochen, Texte werden gedruckt, und Bibliotheken werden gefördert, um den Nationalismus wieder zu ölen.

Haben Sie deshalb manchmal Zweifel an der Umsetzung der Europäischen Republik?

Ich bin gespalten: Auf der einen Seite vertrete ich die Idee der Republik, auf der anderen Seite bin ich Wissenschaftlerin und Analytikerin und könnte Ihnen viele Prozesse und systemische Faktoren ins Feld führen, warum die Idee nicht einfach umzusetzen ist. Unter anderem, weil die Populisten nicht schlafen. Politische Gleichheit hat einen Preis. Die Republik kostet Geld, zum Beispiel, um eine europäische Sozialversicherung zu finanzieren. Wer zahlt den Preis? Die Industrie hat nicht unbedingt ein Interesse an einem friedlichen, sozialen und demokratischen Europa, wenn das zum Beispiel höhere Steuern oder die Einführung einer europäischen Finanztransaktionssteuer heißt. Anders formuliert: Die wirtschaftlichen Steuerungseliten können ganz gut in einem Binnenmarkt und einer Währungsunion ohne europäische Demokratie leben. Sie könnten das Argument machen, dass der Frieden keinen ökonomischen Treiber hat, der Krieg jedoch schon. Deswegen ist es für viele Menschen, die die Diskurshoheit im Sinne von Geld und Macht haben, im Zweifelsfall plausibler, im eigenen Interesse Nationalismus zu fördern, als ein soziales und demokratisches Europa zu schaffen. Sich für das öffentliche Gut einzusetzen, hat ökonomisch jedes Interesse verloren.

Würden Sie die Tatsache, dass heute viele den Nationalismus befürworten, als einen Rückschritt innerhalb der Gesellschaft bewerten?

Wir denken immer, Geschichte ist linear, aber das stimmt nicht. Sie wird nicht immer besser, sondern sie ist im Grunde Closure and Opening – wie ein Herzmuskel. Wir sind jetzt definitiv in einer period of closure nach langen Jahren des Openings. Und wenn Menschen wie ich 1964 geboren sind und die ersten 20, 30 Jahre in einer Phase des Openings gelebt haben, dann bekommen sie die Closure-Phase ganz massiv mit. Ich denke mir jetzt: „Oh, auf einmal wieder die Abtreibungsdebatte, ich dachte, das wäre gegessen.“ Ist es aber leider anscheinend nicht.

Denken Sie, dass die jüngere Generation in der Closure-Phase aufgewachsen ist und darin das Problem liegt, oder könnte diese Generation gerade deshalb die Energie haben, etwas zu verändern?

Deshalb ist die junge Generation aus doppeltem Grund wichtig, denn je nachdem, wann heutige Jugendliche und junge Erwachsene geboren sind, haben sie nicht mehr wahnsinnig viel von der Opening-Phase mitbekommen, sondern sind in die Closure-Phase hineingeboren worden und das prägt das Bewusstsein. Wenn sie keine Erinnerung mehr daran haben, wie die Dinge einmal waren, dann nehmen sie das als gesetzt, in das sie hineingeboren wurden.

Bedeutet dies, dass wir Vergleiche ziehen und heutige, gesetzte Strukturen kritisch hinterfragen müssen?

Ja, es ist so wichtig, dass systemische Prozesse wahrgenommen und benannt werden. In Ungarn zum Beispiel gibt es keine freie Presse mehr, zumindest nicht in dem Sinne, wie wir es verstehen. Orban regiert seit 2008, das heißt, es gibt inzwischen eine Generation, die nichts anderes kennt als die staatlich gelenkte Presse. Dass man Europa denken und wollen kann, kommt in Orbans Diskurs nicht mehr vor, denn es geht nur noch um Ungarn. Das nennt man economic dryout: Ein Diskurs wird förmlich ausgetrocknet, indem bestimmte Geschichten und Geschehnisse nicht mehr gedruckt und gelesen werden. Und da liegt das Risiko für die jüngere Generation, denn mit jedem Jahr, in dem wir diese Populismus- und Nationalismus-Krise mitbekommen, verfestigt sich dieses Weltbild. Mit jedem Jahr gibt es mehr Menschen, die dort reinwachsen und es als Normalität empfinden.

Was kann Ihrer Meinung nach die jüngere Generation von der älteren Generation lernen?

Robert Menasse setzt sich in seinem Buch „Die Hauptstadt“ mit dem Begriff der Kultur auseinander. Kultur ist ja nur in zweiter Linie, dass wir beispielsweise in Paris sitzen und Baguette essen. Primär ist Kultur die Fähigkeit der Übertragung von Lernprozessen an die nächste Generation. Und es ist relativ egal, ob Kinder Schwarzbrot oder Baguette backen lernen, das Wichtige ist, dass den Kindern Brotbacken beigebracht wird. Die Frage für die Zeitgenossenschaft ist heute, ob wir als Erben der Aufklärung den ersten Satz der Menschenrechte „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ in eine Generation übertragen können, die den Krieg nicht mehr gekannt hat.

„Wir müssen eine Möglichkeit finden, einen generationsübergreifenden Frieden zu schaffen.“

 

Denn kein Nationalismus und „nie wieder Krieg“ war das Gründungsparadigma von Europa. Nun aber sterben die letzten Zeitzeugen, die Ausschwitz miterlebt haben. Können wir die Kulturtechnik, diese kulturelle Lernerfahrung „Nationalismus ist schlecht und führt zu Krieg“, ohne Zeitzeugen noch als Lehre übertragen? Lernen Menschen nur, was sie erfahren haben oder – und das ist Kultur – lernen sie auch ohne Herdplatte?

Um ein letztes Mal auf die Europäische Republik zurückzukommen: Welche Schritte müssen zusätzlich noch gegangen werden, damit aus der Idee der Europäischen Republik Wirklichkeit werden kann?

Was wir mit der Idee der Europäischen Republik versuchen, ist in einem politischen System eine Grenzenlosigkeit abzubilden, die im realpolitischen Raum längst gegeben ist: Flugzeuge, Internet, Roaming. Das Einzige, was wirklich noch eine statische Grenze hat, ist der Nationalstaat. Den Nationalstaat abschaffen, das klingt so, als ob ich mich mit dem Hammer hinstellen und an Frankreich rumklopfen würde. Männer fragen dann immer, was ist denn mit dem Fußball? Die Antwort darauf: Die Nation ist vieles. Sie ist Tradition, Geschichte, Identität. Sie ist aber im Moment auch die Grundlage für Demokratie. Und wenn ich sage, ich möchte den Nationalstaat überwinden, dann müssen wir zum Beispiel nicht Deutschland als Idee oder Geschichte abschaffen. Wir müssen nur die Verknüpfung von Nation und Demokratie überwinden und eine nachnationale Demokratie schaffen, weil die Nation zu eng geworden ist als Bett für die Demokratie. Zumal der Markt und die Währung schon europäisch organisiert sind. Es ist jedoch möglich, das Bett für die Demokratie zu erweitern, und zwar jenseits der Nationalstaaten. Jetzt auch die Demokratie europäisch zu organisieren, das ist mein Denkangebot. Wir müssen eine Möglichkeit finden, einen generationsübergreifenden Frieden zu schaffen. Wir machen Europa demokratisch, sozial und dezentral, damit sich keiner mehr in eine nationale Fahne wickeln muss, um sich besser zu fühlen.

 

Interview: Lena Kronenbürger

Prof. Dr. Ulrike Guérot, Donau-Universität Krems