Vol. 2 Nationalism

Nationalismus und Philosophie

„Die Identitären haben einiges mit Islamisten gemein.“

Interview mit Dr. Edward Kanterian, Dozent für Philosophie der University of Kent

 

Die Beziehung von Philosophie und Nationalismus ist kompliziert. Über die vergangenen 250 Jahre haben philosophische Vorstellungen von Zugehörigkeit, der menschlichen Natur und historischem Fortschritt nationale Tendenzen hervorgebracht, bezähmt, wiedererschaffen und unterbunden, haben die Nationalisten Europas und der Welt gleichermaßen zurückgewiesen und ideologisch bestärkt. Heute fragen wir: Was kann uns die Philosophie über die Kraft des Nationalismus und die damit verbundenen Gefahren lehren?

Dr. Kanterian – zunächst würde ich gerne auf die schwer definierbaren Konzepte der „Nation“ und des „Nationalismus‘“ eingehen. Was ist eine Nation? Was ist Nationalismus? In welcher Beziehung stehen diese beiden Konzepte, und wie können wir als Philosophen versuchen diese Phänomene zu verstehen?

Es sind tatsächlich schwer definierbare Begriffe. Ich glaube, es wäre einfacher, mit Theorien zu Nationalismus zu beginnen anstelle von Theorien zu Nationen, auch wenn das erste Konzept gewissermaßen auf dem zweiten aufbaut. Das liegt daran, dass der Begriff „Nationalismus“ weniger ungenau und kontextbasiert scheint, als der der „Nation“. Wenn man über Nationalismus an sich diskutieren will, wäre es ratsam eine Arbeitsdefinition zu nutzen. Ernest Gellners Definition aus „Nationalismus und Moderne“ (englischer Originaltitel: „Nations and Nationalism“) bietet eine gute Basis, da sich diese Definition heutzutage etabliert hat. Laut ihr beinhaltet Nationalismus das Beharren auf „das Recht eines Volkes zur freien Selbstbestimmung“. Es ist eine Definition, welche die Idee beinhaltet, ein Volk habe Anspruch auf einen Staat, einschließlich eindeutiger Gebietsgrenzen und vollständiger politischer Unabhängigkeit. Auf diese Weise betrachtet, entspricht politische Identität eins zu eins ethnischer oder kultureller Identität. Folglich existiert für jedes Volk ein eigener Nationalstaat. Das bedeutet, dass die politischen Grenzen und Demarkationen – die auf gewisse wichtige Weise „imaginär“ sind, denn sie gehören zum selben Bereich der theoretischen Konzepte wie Rechte, Freiheiten und bürgerliche Pflichten – mit kulturellen und ethnischen Grenzen übereinstimmen. Selbstverständlich wirft diese Arbeitsdefinition einige Fragen über die Wesensart des Staates und das Konzept des „Volkes“ auf.

Doch bevor wir uns dieser Frage widmen, stehen wir vor weiteren philosophischen Problemen. Der springende Punkt ist, dass die gegebene Definition bereits andere Dinge auszuschließen scheint. Der Ausschluss von etwas impliziert die Existenz von etwas, das rein prinzipiell geteilt werden könnte. Stellen Sie sich vor, Sie stellen ihre Vision eines ethnischen Nationalstaates dar, und ich die meinige. Wenn ich auf dem Mars leben würde und Sie auf der Erde, dann hätten wir nicht miteinander zu tun und zwischen uns würde es keine Probleme geben. Sachdienliche Definitionen von „Nationen“ sind nur dann angebracht, wenn etwas auf dem Spiel steht; wenn es etwas gibt, wofür gekämpft werden kann, etwas, über das man streiten kann. Und das ist paradigmatisch das Staatsgebiet. Eine solche Definition von „Nation“ führt uns zu einer weitaus spezifischeren Art von Nationalismus: „ausschließender“ Nationalismus, den wir dem mehr „einschließenden“ Nationalismus gegenüberstellen könnten.

Was sind die zentralen Lehren des „ausschließenden Nationalismus”? Und wo sehen Sie seine vorrangigen philosophischen Schwächen?

Das eigentliche Problem des ausschließenden Nationalismus besteht in der Behauptung, es existiere eine zwingende Beziehung zwischen Nation und Gebiet. Aber auch in der Unterstellung, dass etwas, das eigentlich geteilt werden könnte, strittig sei. Es gibt etwas, auf das beide Anspruch und zu dem beide Zugang haben könnten, allerdings besteht eine Partei auf alleinigen und sogar alleinig berechtigten Anspruch, wenn es sich bei diesem „etwas“ um ein Staatsgebiet handelt. Diese Ansprüche des ausschließenden Nationalisten müssen auf einem historisch erlangten Recht, ein Recht auf ein bestimmtes Gebiet zum Beispiel, basieren und können nur einem ebenso historisch erlangten Recht ebenbürtig sein. Es könnte meinen Anspruch stärken, wenn ich sagen kann, „weil ich schon länger hier wohne als Sie“. Aber im Prinzip gibt es nichts in diesem Gebiet, dem Land oder der Landschaft selbst, kein natürliches Phänomen des Ortes, das besagen könnte, dass es meiner Nation gehört, und nicht Ihrer. Dies unterstellt eine kontingente Beziehung zwischen Gebiet und Nation. Denn zu sagen „Sie gehören nicht hierher, Sie haben kein Recht auf dieses Gebiet.“ bringt die Folgerung mit sich, dass Sie hätten da sein können, dass sie ein Recht gehabt hätten, wären Sie vor mir da gewesen. Aber das waren Sie nicht. Und die Tatsache, dass wir beide hätten da sein können, beweist schon zu Genüge, dass ein jeder Zugang zu jedem Gebiet haben sollte. All dies untergräbt die Tendenz der Nationalisten, ein Gebiet als zwingend zu einem Volk zugehörig zu beschreiben. Wenn sich das Volk an einem anderen Ort niedergelassen hätte, würde genau dasselbe Argument greifen: Sie hätten kein Recht auf das Gebiet, denn ich war zuerst dort.

Also gehen Nationalisten davon aus, dass ihre Nation eine notwendige und natürliche Verbindung zu dem Gebiet hat. Einem Gebiet, auf das sie daher den alleinigen Anspruch haben. Aber Sie behaupten, dass diese Annahme auf die Zufälligkeit der Beziehung zwischen Nation und Gebiet hinweist, da Anspruch auf ein Gebiet erheben in sich zeigt, dass jeder einen solchen Anspruch hätte erheben können, es jedoch nicht getan hat.

Genau. Allerdings wird ein Nationalist nun nicht behaupten, seine Nation könne nur dann existieren, wenn sie das Gebiet in toto besitzt. Denn es gibt Fälle, in denen eine Nation gezwungen ist das – vom Nationalisten als rechtmäßig besetzt gesehene – Gebiet mit einer anderen Nation zu teilen. Kein Nationalist würde daraufhin sagen, dass diese Teilung den nationalen Anspruch auf das Gebiet, oder gar die Existenz der Nation, nichtig mache. Eventuell werden sie sagen, dass die Nation nicht „vollständig“ existiert, aber dass sie trotzdem besteht. Denken Sie nur an die Eventualität des Exils, der Vertreibung und Abschiebung, die eine Nation zwingen könnte, das Stammland komplett zu verlassen. Aber dennoch würde das nicht die Existenz der Nation beenden, auch wenn es vielleicht bedeuten würde, dass die Nation sich nicht mehr in vollem Umfang entwickeln könnte. Das wiederum bestätigt die Zufälligkeit der Beziehung zwischen Nation und Gebiet, da sie sich in solchen Fällen trennen können.

Also bestätigt der Nationalist durch das Beharren auf die zwingend notwendige Beziehung zwischen Land und Nation quasi die Kontingenz eben jener. Woher kommt diese Ungereimtheit?

Naja, diese gesamte Überlegung und Analyse erfordert einen Blick auf den Nationalisten von Außerhalb. Denn es ist bestimmt nicht die Sichtweise, die der Nationalist selbst haben würde. Es wäre ratsam, hier eine klare Grenze zu ziehen: zwischen dem „Blick von Innen“, welcher der nationalistischen Ideologie unterliegt, und dem „Blick von außen“, der betrachtet, wie sich das Konzept der „Nation“ gegenüber viel allgemeineren Tatsachen der menschlichen Politik und kulturellen Existenz auf diesem Planeten verhält. Oftmals interessiert das den ausschließenden Nationalisten gar nicht. Er wünscht sich, über nichts anderes als seine Nation, seine Rechte und seine Viktimisierung zu reden. Es interessiert ihn nicht, ob und wie sein eigener Blickpunkt in ein größeres Bild hineinpasst – ein größeres Bild, das er noch nicht einmal versteht.

Gibt es denn nicht-ausschließenden Nationalismus? Erzwingt Nationalismus nicht immer etwas oder jemand „Anderen“, der nicht Teil der Nation ist, oder zumindest nicht auf gewisse Weise – ich rede hier von den sogenannten „staatsinternen“ Feinden –, um sich zu definieren?

Ich sehe hier zwei sehr interessante Punkte. Der erste ist Ihre Aussage, dass ein ausschließender Nationalist etwas braucht, das er ablehnen kann. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der alle Nationen vereint wurden. Ich habe einmal gehört, die Serben sagen, dass jeder Ort, an dem ein Serbe verstorben ist, zu serbischem Land wird. Also stellen wir uns zum Zwecke dieses Beispiels einmal vor, dass die ganze Welt Serbien geworden ist. Sollte die Welt jemals auf solche Weise vereint werden, wäre Nationalismus kein Problem mehr und würde nicht einmal mehr Sinn ergeben. Aber tatsächlich wird so eine perfekte Situation niemals Realität werden. Denn das Bedürfnis, sich durch Definitionen von etwas anderem abzugrenzen, wird erneut aufkommen.

Vielleicht wäre es eine Definition als „Erdlinge” in Abgrenzung zu den Marsianern?

Ja, so etwas in der Art. Allerdings könnte ein weniger phantasievolles Beispiel auch die Abtrennung gegenüber den „Schatten der Vergangenheit“ sein. Es ist vorstellbar, dass wir, sobald die ganze Welt serbisch geworden ist, anfangen könnten Stimmen zu hören. Stimmen, die uns herausfordern. Die Stimmen der Kroaten, Bosnier oder Ungarn in uns selbst. Diese Stimmen könnten unterdrückt werden, in dem wir uns wieder und wieder selbst sagen, dass wir gute, brave Serben sind und dies auch in unser kollektives national-globales Bewusstsein einhämmern. Es wird die Notwendigkeit geben, diese Stimmen zu unterdrücken und innerhalb unserer national-globalen Gesellschaft nach Feinden Ausschau zu halten.

Was beweist diese Notwendigkeit des „Anderen“ in der internen Dialektik der ausschließenden Nationalisten?

Vielleicht, dass seine Position unsicher ist. Der ausschließende Nationalist braucht die „Anderen“ um sich selbst behaupten zu können. Will er aber die Würde und Souveränität der eigenen Nation wahren, ist er gezwungen, die reale Existenz anderer Nationen anzuerkennen. Daraus folgt, dass es möglich ist eben diesen würde- und ehrenvollen Status, den er für seine eigene Nation in Anspruch nehmen will, auch anderen Nationen zuzuschreiben. Der ausschließende Nationalist muss sich etwas entgegensetzen. Das ist unbestreitbar. Aber was? Er setzt sich nicht Steinen entgegen. Oder Orangen oder Affen. Nicht einmal Sklaven oder „Untermenschen”. Sein Gegner muss sich in bestimmter Hinsicht auf demselben Level befinden. Natürlich ist es fraglich, inwieweit sich der Nationalist dieser Dialektik bewusst ist. Worauf wiederum der mystische Charakter seines Vorhabens basiert.

Okay. Es scheint, als ob der Nationalist von der strategischen Annahme ausgeht, dass seine Gegner etwa die gleiche Würde und Souveränität wie er besitzen, diese aber normalerweise im späteren Verlauf seines Arguments leugnet.

Genau, und man muss dann überlegen, ob dies eine irrationale Haltung ist, oder nur eine, der wir widersprechen. Denn wenn er wirklich eine Haltung einnimmt, die nicht mit seinen Handlungen übereinstimmt, wäre das ein guter Grund ihn irrational zu nennen. Aber selbstverständlich muss man eingehend untersuchen, ob und inwieweit andere Positionen rationaler sind. Aber wie auch immer, um zu Ihrer vorherigen Frage zurückzukehren: Ich denke, man kann definitiv eine Unterscheidung zwischen ausschließendem und nicht-ausschließendem Nationalismus treffen. Ausschließender Nationalismus impliziert die Ablehnung der Koexistenz mit etwas, das prinzipiell teilbar wäre. Für den ausschließenden Nationalismus war das Paradebeispiel des „etwas im Prinzip teilbaren“ schon immer das Staatsgebiet. Allerdings konnte man in jüngster Zeit sehen, dass ausschließende nationalistische Ideen auch auf andere Konzepte wie nationale Kultur oder Identität angewandt wurden. „Identitäre“ tauchen plötzlich über ganz Europa und die USA verteilt auf. Das schließt Les Identitaires aus Frankreich und die Identitäre Bewegung in Deutschland mit ein. Ebenso diejenigen, die im August 2017 mit Fackeln in Charlottesville aufmarschiert sind. Es handelt sich hierbei um ein faszinierendes Phänomen. Denn während sich diese Gruppen als ausschließende Nationalisten identifizieren, beweisen sie dennoch – auf fast widersprüchliche Art und Weise – eine globalere Perspektive. Sie legen quasi einen Nationalismus dar, der den gesamten europäischen Kontinent miteinschließt.

Was charakterisiert diese Bewegungen?

Einerseits scheinen all diese Bewegungen über Landesgrenzen hinweg zusammen zu arbeiten. Sie erkennen ihre auswärtigen Feinde: erstens Islam und Islamismus – zwei Dinge, die sie nicht voneinander unterscheiden – und zweitens, was von manchen als „Imperialismus“ bezeichnet wird – dabei handelt es sich um die Dominanz der amerikanischen Kultur und Entwicklungen, die ihrer Ansicht nach einheimische Kulturen auslöschen. Ihre wirtschaftliche Gesinnung scheint der der radikalen Linken zu ähneln. Zumindest sind beide Parteien der Globalisierung und zentralisierten Gruppen wie der EU gegenüber abgeneigt. Und ähnlich wie die radikale Linke, die leicht in den Anarchismus abrutschen kann, behaupten sie sich für direkte Demokratie einzusetzen. Anders als die radikale Linke jedoch, sind sie gegenüber privatem Eigentum nicht abgeneigt und sprechen sich für eine Art freien Handel aus, sofern dieser „anti-global“ ist – allerdings weiß ich selbst auch nicht, wie ausgereift diese wirtschaftlichen Überlegungen sind. Ein weiterer Aspekt, der von den ausschließenden Nationalisten im Gegensatz zu den Linken stark betont wird, sind die von ihnen als Kern der europäischen Identität aufgefassten Charakteristiken: der christliche Glauben und traditionell christliche Werte. Diese kontrastieren sie zu den Werten der „Ankömmlinge“, zum Beispiel die muslimischen Immigranten, oder aber auch zu den Werten der mehr liberalen, „rationalen“ und frei denkenden Menschen und derer mit „alternativen Lebensstilen“. Ob Identitäre nun wie Faschisten und Nazis ebenfalls so genannte Supremacists sindalso sich zu einer überlegenen Gruppe angehörig fühlende – ist fraglich. Einerseits proklamieren Identitäre nicht die Unterlegenheit anderer Ethnizitäten, andererseits betonen sie die Notwendigkeit, unterschiedliche Völker, Kulturen, Religionen und Ethnizitäten voneinander zu trennen. Natürlich drückt sich dieser Gedankengang, selbst wenn die Ideologie selbst nicht explizit rassistisch ist, in rassistischen, oder zumindest segregierenden Handlungen aus. Viele ihrer Anhänger haben jedoch solche rassistischen Ansichten. Daher ist es für die beiden Positionen sehr einfach sich zu vermischen. Es ist ein ernstzunehmendes Problem, dass der ausschließende Nationalismus in den Faschismus abrutscht. Warum sollten Kulturen und Ethnizitäten denn überhaupt getrennt werden oder bleiben? Vermutlich, weil eine besser ist als die andere. Oder sollte man annehmen, dass beide in sich gut sind, aber die Mischung schlecht wäre? Das einzige vernünftige Argument, auf das man sich zur Begründung dieser Asymmetrie zwischen den Kulturen berufen könnte, ist eben jenes, auf das die Identitären nicht zurückfallen können: die Behauptung, dass Werte wie Freiheit und Demokratie, die Würde des Einzelnen, die Herrschaft von Recht und Ordnung, tatsächlich im Westen der Welt entwickelt wurden. Warum die Identitären sich nicht auf dieses Argument berufen können, ist klar: es ist universal, „globalistisch“ und bezieht sich auf die Menschheit als Ganzes. Es würde sie gegen ihre eigene, ausschließende Politik verpflichten. Streng genommen können sie sich noch nicht einmal auf das Christentum berufen, denn es ist keine tribalistische, nativistische Religion, sondern steht für Nächstenliebe und Großmut anderen gegenüber – fast bis hin zur Selbstverleugnung. Christliche Identitäspolitik widerspricht sich meiner Meinung nach in sich selbst.

Ich frage mich jetzt, was der Nationalist durch das Beharren auf die zwingend notwendige Beziehung zwischen Nation und Land bewirken will. Möchte er sich dadurch auf ein Recht berufen? An wen wendet er sich?

Um nochmal zu den theoretischen Aspekten zurück zu kehren, es handelt sich tatsächlich um eine faszinierende innere Dialektik, von deren Existenz der Nationalist noch nicht einmal etwas ahnt. Als Philosophen ist es an uns, für Nationalisten die Hausaufgaben zu machen und zuzüglich zum internen Blickwinkel einen externen auf das Phänomen zu liefern. Wenn der Nationalist Anspruch auf ein bestimmtes Gebiet erhebt, beruft er sich auf das Recht der Selbstregierung.

“Der quasi-legale Anspruch „das gehört mir“ wird vom kriegerischen „hier ist meine Streitaxt“ gefolgt. Niemals andersherum.”

 

Aber die Rechte von Nationen, so scheint es, sind parasitär oder basieren zumindest auf einem grundlegenderen Verständnis des Begriffs, nämlich dem Recht des Einzelnen. Die Berufung des Rechts auf Selbstbestimmung geschieht nicht in einem Vakuum. Wenn man das einzige Volk der Erde wäre, wäre es völlig nichtssagend, auf ein Gebiet Anspruch zu erheben. Jedes Gespräch über nationale Selbstbestimmung impliziert die Existenz von etwas, auf das prinzipiell ein jeder Anspruch erheben könnte. Und das wiederum setzt die Existenz, oder zumindest die Notwendigkeit, einer externen Autorität voraus, die im Zweifelsfall den Rechtskonflikt schlichten könnte.

Aber sicherlich verlässt sich der Nationalist in den meisten Fällen, oder hat dies zumindest in der Vergangenheit getan, nicht auf einen Richter oder die Justiz, sondern auf Gewalt. Denn egal, was ein Richter vielleicht dazu sagen würde: Derjenige, der die Schlacht gewinnt, kontrolliert das Land.

Genau. Doch das funktioniert eigentlich nur im Naturzustand, bei dem es sich selbst um ein ebenso schwer greifbares Konzept handelt. Schon kurz darauf wird eine Partei – normalerweise der Verlierer – realisieren, dass es so nicht weitergehen kann. Selbst die siegreiche Partei wird viele Opfer zu beklagen haben, wird Menschenleben und Ressourcen geopfert haben, und früher oder später merken, dass sie solche Konflikte besser durch externe Schlichtung beilegen sollten. Wie Kant bereits treffend formulierte: „Endlich aber nach vielen Verwüstungen, Umkippen und selbst durchgängiger innerer Erschöpfung ihrer Kräfte [treibt es sie] zu dem, was ihnen die Vernunft auch ohne so viel traurige Erfahrung hätte sagen können, nämlich: aus dem gesetzlosen Zustande der Wilden hinauszugehen und in einen Völkerbund zu treten“. Oftmals ist die Notwendigkeit eines solchen externen Schlichters automatisch bedingt durch die Art und Weise, wie auf einen Anspruch bestanden wird. Der quasi-legale Anspruch „das gehört mir“ wird vom kriegerischen „hier ist meine Streitaxt“ gefolgt. Niemals andersherum.

Es scheint ein Grundgedanke des Nationalismus zu sein, dass ein Einzelner, der Teil der Nation ist, in gewisser Weise eine moralische Verpflichtung gegenüber seiner Nation als Ganzes hat: für sie zu kämpfen, für sie zu arbeiten und vielleicht sogar sie zu verherrlichen. Wie schlägt sich dieser Ruf der Pflicht der Nation im Vergleich zu anderen Pflichten, die eine einzelne Person haben könnte?

Im Falle Frankreichs, wo die Beziehung zwischen Nation und Staat eine Frage der Identität zu sein scheint – ebenso wie die Beziehung zwischen Nation und Volk, welche zu Zeiten der Revolution noch ausgeprägter war –, sind unsere Verpflichtungen gegenüber der Nation nur die normalen Verpflichtungen, die man sowieso gegenüber dem Staat hat: Steuern zahlen, ein braver Bürger sein und so weiter. Wenn man sich aber die unterschiedlichen Größen dieser sozialen Einheiten, gegenüber denen wir Verpflichtungen haben – eine Familie, ein Dorf, ein Stadt-Staat –, ins Gedächtnis ruft, erkennen wir, dass Verpflichtungen gegenüber der Nation eine relativ moderne Erfindung sind. Im Laufe der Geschichte drehten sich solche Pflichten meistens um die Familie, die Sippe oder den Stamm, und basierten auf zwischenmenschlichen Beziehungen und der Einheit der Familie. Avishai Margalit behandelt etwas Ähnliches in „Ethik der Erinnerung“ (englischer Originaltitel: „The Ethics of Memory“). In dieser Abhandlung differenziert er zwischen der „ethischen Gemeinschaft“ und der „moralischen Gemeinschaft“, wobei sich erstere durch persönliche, zwischenmenschliche Beziehungen auszeichnet und sich letztere auf die Menschheit als Ganzes bezieht. Dazwischen gibt es dann dieses komische Gebilde, welches wir „Nation“ nennen. Unsere Verpflichtungen zur Nation sind parasitär gegenüber unseren persönlichen Verpflichtungen. Zumindest, wenn „Nation“ nicht wie im französischen Beispiel im gesetzlichen Zusammenhang verstanden wird.

Sie erwähnten bereits Immanuel Kants einflussreiche politische Theorie. Ich würde gerne noch über ein paar andere Philosophen sprechen, die für die ideologische Entwicklung nationalistischer Ideen ausschlaggebend waren. Namen, die mir dazu einfallen, wären Herder, Hegel und Fichte, die ihre Theorien ebenfalls entweder Ende des 18. Jahrhunderts oder im frühen 19. Jahrhundert veröffentlichten. Während dieser Zeit waren die deutschen Länder politisch zersprengt und mussten sich noch von Napoleons Demütigung erholen. Gab es damals eine stetige philosophische Entwicklung des Nationalismus und wie können wir seine Entstehungsgeschichte mit der Tatsache ins Reine bringen, dass zur selben Zeit auch die ersten philosophischen Fortschritte in Richtung Kosmopolitismus, oder Weltbürgertum, gemacht wurden – wie zum Beispiel in Kants Aufsatz „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“?

Ich weiß nicht, ob Kosmopolitismus erst mit Kant begonnen hat. Während der frühen Aufklärung gab es bereits ähnliche Überlegungen, zum Beispiel in Grotius und Pufendorf. Vielleicht sogar früher. Aber wie dem auch sei, Herder wird oft als Begründer des modernen Nationalismus betrachtet, doch die Meinungen gehen auseinander. Einerseits war er tatsächlich der erste, der theoretisierte, dass Nationen organische, natürliche Erscheinungen seien, zudem gehen Aussagen wie „jede menschliche Vollkommenheit [ist] National“ auf ihn zurück sowie auch die Annahme, dass man durch Verlust seines Nationalgeistes auch sich selbst verliere. Aber andererseits unterscheiden sich seine Lehren deutlich von moderneren Ideen. Ich denke, man könnte Herders Überlegungen „gutartigen Nationalismus“ nennen. Er glaubte an zwei sehr wichtige Dinge: Erstens, jeder einzelne Mensch hat ein Verlangen nach Zugehörigkeit, eine Sehnsucht, Teil etwas Größerem zu sein. Laut Herder ist diese Sehnsucht eng mit einem Verlangen nach Heimat und Heimatland verbunden. Er identifiziert die Sprache als wichtigste unterscheidende Charakteristik zwischen verschiedenen Nationen, obwohl er auch die Wichtigkeit von Gewohnheit, Sitte, Kultur und anderen, weitergreifenden Dingen wie Religion oder bestimmten Moralvorstellungen betont. Zweitens glaubte Herder, dass dieses „Größere“, von dem ein jeder Teil sein will, nichts Einzelnes ist, sondern im Zusammenspiel mit anderen, größeren Konzepten fungiert und dadurch die Menschheit als Ganzes bildet. Die Ansammlung an Nationen, welche die Menschheit darstellen, das „Konzert der Nationen“, wenn man so will, ist für Herder von höchster Bedeutung. Es gibt keinen Anspruch auf Vorherrschaft. Jede dieser Nationen steht für sich selbst mit eigener Würde, und gerade weil jede dieser Nationen einzigartig ist, eigene Talente, eine eigene Sprache und Kultur besitzt, trägt jede dieser einzelnen Nationen auf eigene Weise zum großen Ganzen bei – wirklich so, als würden sie in einem Symphonieorchester zusammenspielen.

“Eine Gefahr dieser gutartigen, herderischen Form des Nationalismus, ist die Anfälligkeit in eine weniger gutartige, ausschließende Form abzurutschen. In diesem Falle müssen wir untersuchen, welche Umstände dazu geführt haben.“

 

Mir ist unbekannt, ob jemand schon einmal darüber nachgedacht hat, aber könnte man an dieser Stelle nicht einen Vergleich zwischen Herder und den Identitären ziehen? Ich meine damit die semi-globalisierten Identitären, die großes Gewicht auf das Konzept „Europa“ legen. Anders als die „alten“ Nationalisten, die ihre jeweilige Nation verteidigen, sehen die Identitären das Zusammenspiel der Nationen in Europa und setzen Europa dann Afrika oder Asien entgegen. Oder auch den Islam und Amerika. Sie denken in großen, geo-politischen, kulturellen Blöcken. Aber während sie das Konzert Europas als harmonisch empfinden, erscheint ihnen das noch größere, weltweite Zusammenspiel aller Nationen, aller großen Blöcke, vermutlich weniger harmonisch. Und um ganz ehrlich zu sein, ist auch ihre Vision der europäischen „Symphonie“ eher schwach und verfälscht, denn es ist nur eine rückwirkende, aggressive Vision, deren Ziel eine regressive Version Europas ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ein von Identitären reformiertes – oder deformiertes – Europa ein besserer Ort wäre, als das Europa, welches sich ihre islamistischen Gegner wünschen. Tatsächlich haben die Identitären einiges mit Islamisten gemein. Sie teilen sich vielleicht nicht die mörderischen Voraussetzungen, aber auch sie verabscheuen unsere heutige Zwangslage.

Um nochmals zum Blockdenken der Identitären zurückzukehren: Das hört sich viel mehr nach Huntingtons Kampf der Kulturen als Herders „Konzert der Nationen” an.

Ja, tatsächlich. Identitäre sind weit von Herder entfernt, der diesen Kampfgeist und die Streitsucht stark ablehnte ebenso wie das Konzept des Ausschließens und, als nächsten logischen Schritt, der Unterwerfung. Jede Nation hat das Recht im Garten Eden der Menschheit zu gedeihen – Nationen können Gemeinsamkeiten annehmen und so voneinander profitieren. Jedoch muss man hier für einen Moment innehalten und die entscheidende Frage stellen: Wie sicher ist die herderische Position? Wie sicher ist sie gegen Zweckentfremdung und Radikalisierung? Als Pessimist würde ich persönlich sagen, dass sie sehr anfällig ist. Dass sie in problematischere Haltungen abrutschen kann und dies in der Vergangenheit bereits getan hat. Die herderische Position kann sich, wie bereits gesagt, leicht in den ausschließenden Nationalismus verwandeln. Denn es wird immer jemanden geben, der Herder zustimmt, wenn er sagt „jede Nation [hat] das Recht im Garten der Menschheit zu gedeihen“, aber dann hinzufügt, „anders als andere Nationen kann meine nicht in vollem Maße erblühen. Dass muss daran liegen, dass sie fremdartige Bestandteile enthält. Lass sie uns loswerden!“ Eine Gefahr dieser gutartigen, herderischen Form des Nationalismus, ist die Anfälligkeit in eine weniger gutartige, ausschließende Form abzurutschen. In diesem Falle müssen wir untersuchen, welche Umstände dazu geführt haben. Und hier wiederum kommt Hegel ins Spiel. Denn wie Isaiah Berlin ausführte, stellte Hegel fest, dass Menschen zuzüglich zum Verlangen nach Zugehörigkeit ebenfalls ein Bedürfnis nach Anerkennung haben. Herder zufolge bin ich Teil einer Gemeinschaft und damit sicher und beschützt. Dies impliziert eine etwas patriarchische Beziehung zwischen mir und der Gemeinschaft. Bei Hegel indes wird die Beziehung durch das beidseitige Verlangen nach Anerkennung wechselseitiger und dynamischer: Ich will von Ihnen anerkannt werden und Sie von mir. Hier bringt Hegel den externen Blickpunkt mit ein und zeigt, wie Nationalisten und verschiedene Nationen als Ganzes tatsächlich miteinander umgehen. Ich denke, dass Hegels Behauptung in Anbetracht der Geschichte durchaus Gewicht hat.

Warum erwähne ich jetzt Hegel als mögliche Bedrohung für die Theorie Herders? Nun ja, man muss sich nur fragen, was passierte, wenn dieses höchst wichtige Verlangen nach Anerkennung nicht erfüllt, oder gar unterdrückt werden würde. Wenn Menschen unterdrückt und nicht vom Zusammenspiel der Nationen anerkannt werden, oder wenn sie durch Machtausübung unterdrückt werden, dann werden wir Schwierigkeiten bekommen. Denn dann hat man einen externen Feind. Und das führt, fast gezwungener Maßen, zu einer Stärkung der ausschließenden Identitätspolitik. Dies bringt oft eine besonders scheußliche Art des Nationalismus mit sich. Wie Berlin bereits sagte, „meist scheint der Nationalismus durch Wunden oder Kränkungen verursacht“. Es gibt viele Formen, die eine solche „Wunde“ annehmen könnte. Eine davon wäre ganz einfach Unterdrückung auf eigenem Gebiet. Eine andere, sehr bedeutende Möglichkeit, wäre die Aufteilung oder der Verlust des eigenen Gebietes – dies würde nicht nur als große Wunde, sondern sogar als Verstümmelung der Nation aufgefasst werden.

Dies scheint tatsächlich historisch belegt zu sein. Und es ist sicherlich ein guter Ansatz um über die Entwicklung des deutschen Nationalismus in der Zeit während und nach den napoleonischen Kriegen nachzudenken. Kurz nach der Demütigung dieser Kriege richtete Fichte eine berühmte Rede an die Deutsche Nation, die ein wichtiges Beispiel des frühen Nationalismus zu sein scheint. Könnten Sie bitte näher auf Fichtes Rolle in dieser Entwicklung eingehen?

Absolut. Man kann ebenso das Beispiel des französischen Nationalismus heranziehen, der nach der Demütigung des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 auftrat. Damals sind die Deutschen in Frankreich einmarschiert und haben Teile des Landes erobert, was eine viel radikalere Art des Nationalismus in Frankreich hervorbrachte. Oder wir könnten an die Erniedrigung und Verletzung der Deutschen denken, die der Friede von Versailles mit sich brachte. Es gibt viele weitere Beispiele, auf die wir zurückfallen könnten, in denen das „Bedürfnis nach Anerkennung“ verletzt wurde und dies die Situation verschlechterte. Sie liegen aber ganz richtig mit Ihrem Verweis auf Fichte als dritte wichtige Person in dieser Entwicklung. Als Basis greift Fichte auf zwei Elemente der kantischen Moralphilosophie zurück: Ersteres wäre Kants Verteidigung der Würde und der Freiheit des Menschen, die er im zentralen Gedanken der „Autonomie“ verfestigte. In der kantischen Moralphilosophie findet der Streit nicht auf einem politischen Schlachtfeld, sonder im Herzen der Menschheit, in der menschlichen Seele, wenn man so will, statt. Egal, wie schnell sich die Zeiten wandeln, egal, wie viel Widerstand und wie viele Hindernisse die Außenwelt mir zufällig oder beabsichtigt entgegenstellt, so habe ich doch stets die Fähigkeit, frei und moralisch durch die Ausübung meines eigenen Willens zu handeln. Ob ich dabei glücklich werde oder nicht, hängt von den äußeren Umständen ab. Vielleicht werde ich niemals wirklich glücklich sein. Aber ich werde immer die vollständige Kontrolle über meine innere Würde haben, die nur durch meinen moralischen Willen definiert ist. Das ist die erste der Überlegungen, die für Kant quasi „heilig“ waren. Die zweite heilige Überlegung ist sein Glauben an die ethische Gemeinschaft der Menschheit – ein Mensch kann sich nicht selbstverwirklichen, wenn er nicht Teil dieser Gemeinschaft ist, die nach Kant sowohl utopische, als auch theologische Eigenschaften hat.

Und wie führte Fichte, der vielleicht undurchsichtigste und historisch kompromittierteste Philosoph der Gruppe, Kants ethischen Gedanken weiter?

Fichte versucht radikaler durch den Kontrast zwischen persönlicher und kollektiver Moral zu denken, als es Kant getan hat. Was ihn dann aber letztendlich zu großen Problemen führt. Über die „persönliche Moralität“ sagte Fichte zum Beispiel, dass ich „innerlich komplett frei“ und „meine eigene Schöpfung“ sei, und dass ich „dem Gesetz der Natur nicht blind folgen muss, sondern es freiwillig tue, weil ich es will“. Der Wille, das Handeln aus freien Stücken, ist, was mich als Person ausmacht, und spielt eine Rolle in der Gewichtung von Werten wie Hingabe, Entschlusskraft, Glaubwürdigkeit und so weiter. Aber hier wieder: All diese Werte sind völlig nichtssagend, wenn sie sich nicht in Handlungen niederschlagen. Zumindest Berlins Analyse Fichte nach, der ich im Großen und Ganzen zustimme, folgt nun die an sich selbst gerichtete Frage: Was ist dieses „Ich“ eigentlich? Man darf dabei nicht vergessen, dass Fichte auch Metaphysiker war, und dass es sich bei dem „Ich“ hier nicht um das empirische „Ich“ handelt, sondern um das „Ich“ von „ich will“, welches schlussendlich ein transzendentales oder metaphysisches „ich will“ ist. Was auch immer das genau heißen mag. Und so steht man wieder vor einem Problem, welches bereits mit Descartes aufkam. Das Problem der korrekten Identifizierung des res cogitans, der Tatsache, dass die „denkende Sache“ und das empirische Selbst nicht deckungsgleich sind. Eine denkende Sache oder Substanz zu sein, definiert nicht meine Individualität und setzt mich nicht von anderen Menschen ab. Im wahren Leben ist es sehr einfach zu definieren, wer „das Selbst“ und wer „die Anderen“ sind: Ich bin derjenige, der gerade redet, und Sie sind die Anderen. So werden Sie zum Beispiel durch Ihre Äußerungen identifiziert, und ich durch die meinigen. Aber diese Antwort ist für Fichte nicht möglich, denn wir beziehen uns hierbei auf das empirische „Ich“. Der Mensch, der dort drüben sitzt, im Vergleich zu dem Menschen, der hier sitzt. Das metaphysische „Ich“ sitzt nirgendwo. Und es kann auch niemals mehr als eines davon geben.

Und wie löst Fichte dieses Problem? Es wirkt, als ob dieses Prinzip des transzendentalen, metaphysischen „Ichs“ eher wenig mit dem echten Leben zu tun hat, geschweige denn mit politischen Theorien wie Nationalismus.

Fichte wird zu der Position verleitet, ein einzelnes, supra-individuelles „ich will” zu postulieren, welches über das empirische, menschliche Individuum hinausgeht. Wenn wir dies akzeptieren, stehen wir gleich vor dem Zwiespalt zwischen dem einzelnen transzendentalen „Ich“ und den vielen individuellen, empirischen „Selbst“. Das transzendentale „Ich“ deutet schon jetzt grob in die Richtung eines kollektiven, empirischen Selbst. Denn, wie bei dem kollektiven, handelt es sich um ein supra-individuelles Einzelnes. Fichte ist gezwungen, das transzendentale „Ich“, welches seine Vorstellung des Kollektivs untermauert, in etwas Konkreteres zu verwandeln, denn genau genommen besitzt das transzendentale „Ich“ keine eigene Handlungsfähigkeit. Um dem Kollektiv nun Handlungsfähigkeit zu verleihen, muss er also auf eine Art Analogie oder Projektion zurückgreifen. Er kann diese Handlungsfähigkeit nicht wieder auf den Einzelnen verteilen, denn dann würde es kein Kollektiv-cum-Akteur geben. Und deshalb, als Mittelweg zwischen den zwei Extremen des empirischen, individuellen „Selbst“ und des transzendentalen „Ichs“, projiziert er die Handlungsfähigkeit des Kollektivs auf einen einzelnen Menschen. Auf einen ganz besonderen. Ich würde diesen nur ungern Führer nennen, aber er ist definitiv ein Anführer – ein „Zwingherr“ nach Fichte – der den Willen der Vielen vereint und dennoch die dem metaphysischen „Ich“ unzugängliche Handlungsfähigkeit behält. Ebenso wie die Einheit von letzerem besitzt er auch ansatzweise seine Transzendenz und Trans-Historizität. Fichte muss das supra-individuelle „Ich“ wieder mit der empirischen Realität in Verbindung bringen – was ihn wiederum zurück zum Kollektiv führt. Aber da das Kollektiv streng genommen keinen eigenen Willen hat, sieht er sich gezwungen, nach einem Anführer zu verlangen, der sie vereint. Man könnte dies nun als Wurzel des moderneren, beunruhigenderen Nationalismus betrachten. Insbesondere, da Fichte diese Ideen nun mit dem „Deutschtum“ verbindet. Es scheint mir, als müsse man vom transzendentalen Level einen großen Sprung zum Kollektiv – via Bestimmung eines Anführers – machen, und dann einen weiteren großen Sprung zum Deutschtum. Sprünge, die philosophisch und insbesondere politisch betrachtet, höchst suspekt erscheinen. Und für Fichte ist das noch nicht das Ende. Es war integraler Bestandteil seiner autoritären Ansichten, dass die gesamte Nation zu unterrichten sei. Vor allem die Kinder, deren „Freiheit des Willens gänzlich vernichtet“ werden sollte, um sie durch schiere Notwendigkeit zur Entwicklung eines „unermüdlich guten Willens“ zu zwingen.

1808 hielt Fichte seine Reden und starb wenige Jahre später. Allerdings wurden diese Reden bis zur Deutschen Einigung im Jahre 1870 nicht viel beachtet oder behandelt, und erlangten erst zu Zeiten des ersten Weltkrieges zentrale Bedeutung für den deutschen Nationalismus. Welche Entwicklungen fanden im 19. Jahrhundert statt, dass die Ideologie des Nationalismus sich in so vielen Teilen Europas als politische Realität etablieren konnte?

Viele wichtige Grundsteine wurden bereits vor Fichte gelegt. Jedoch wurde die Ideologie noch nicht durch praktische Anwendung umgesetzt. 1848 war meiner Meinung nach eines der wichtigsten Jahre für die Entwicklung des Nationalismus, im Westen wie auch im Osten Europas. Damals ging die Idee des Nationalismus Hand in Hand mit der Rhetorik der Befreiung und der Selbsterfüllung. Viele Menschen wehrten sich damals gegen sehr reale Unterdrückung – sie verkündeten, dass sie nicht vom osmanischen oder Österreich-ungarischen Reich oder sonst wem regiert werden wollten. Sie wollten sich selbst regieren. Prinzipiell sollten den Minderheiten – sogar den Juden – Rechte und Staatsangehörigkeit erteilt werden. Die nächste wichtige Entwicklung war die Gründung politischer Parteien. Ideologien waren ab dann an bestimmte Gruppen gebunden, die dadurch Werkzeuge eben jener Ideologien wurden. Der Ausschluss galt nicht länger nur denjenigen, die aus ethnischen oder kulturellen Gründen nicht zu einer Nation gehörten. Auch aus politischen Gründen konnte man nun aus der Nation ausgeschlossen werden. Diese Einstellung kann man in Fichtes Texten überall lesen: Wer kein echter Patriot ist, wer die deutsche Nation nicht aufrichtig liebt, muss ausgeschlossen werden. Dies deutet von Anfang an auf Faschismus hin, der schließlich nicht nur die externen sondern auch die internen Feinde eliminieren will: die „schlechten“ oder „bösen“ Italiener, Franzosen, Deutschen.

Jetzt, da uns klar ist, wie schnell ausschließender Nationalismus in extremere Denkweisen wie Faschismus abrutschen kann, würde ich gerne über die Verbrechen des Nationalismus sprechen, vor allem die Völkermorde des 20. Jahrhunderts. Lässt sich in der Ideologie des ausschließenden Nationalismus selbst etwas ausmachen – vielleicht die Einstellung Minderheiten gegenüber –, das zu derartigen Verbrechen gegen die Menschlichkeit führt? Waren diese Untaten zum Großteil ideologisch motiviert, oder hingen sie von anderen Umständen ab?

Zunächst darf nicht vergessen werden, dass Nationalismus nicht auf Europa beschränkt ist. Außerdem werden Völkermorde nicht nur von faschistischen Regimen verübt, können aber unter den richtigen historischen Bedingungen eine mögliche Folge von Nationalismus sein. Als Beispiel der ersten Tatsache muss man sich nur den Völkermord in Ruanda in Erinnerung rufen. Damals haben die Hutu-Machthaber Mitglieder der Tutsi-Minderheit zu hunderttausenden ermordet. Das war eindeutig ein Verbrechen durch ausschließenden Nationalismus, durch Rassismus, und eines der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Um meine zweite Aussage zu untermauern, möchte ich auf den Völkermord von Armenien verweisen. Dieser geschah, nachdem die Jungtürken zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Macht ergriffen haben. Die Jungtürken waren keineswegs Faschisten, aber dennoch begangen sie, basierend auf den Idealvorstellungen des Türkischseins und der Reinheit ihres Nationalstaates, einen Völkermord gegen eine Minderheit – sogar gegen mehrere Minderheiten. Die Armenier hatten gewiss am meisten Opfer zu beklagen, aber unter den Türken mussten Griechen und Assyrer zu dieser Zeit ebenfalls schwer leiden. Solch ein Verbrechen ist also weder auf Europa, noch faschistische Regime begrenzt.

Was sind denn die von Ihnen erwähnten historischen Bedingungen, die zu solchen Verbrechen führen können? Und wie kann man hier eine Verbindung zu Berlins Aussage knüpfen, Nationalismus scheine durch Wunden verursacht?

Dieser bildliche Gedanke, in dem Nationalismus als reaktive Gesinnung dargestellt wird, die durch eine Wunde oder einen Verlust entflammt werden kann, bietet uns eine gute Möglichkeit, den Nationalismus besser zu verstehen. Nationen können schnell aggressiv reagieren, sollten sie angegriffen werden oder einen, wenn auch nur eingebildeten, Verlust erleiden. Vor allem, wenn diese Niederlage in starkem Gegensatz zur glorreichen Vergangenheit des Staates, Volkes oder Reiches steht. Eine Minderheit, die innerhalb des Gebietes einer solchen Nation ertappt und als Vertreter der externen, angreifenden Macht gesehen wird, ist dem Untergang geweiht. Manus Midlarsky hat diese tödliche Logik detailliert analysiert. Sie führte nach Zusammenbruch des osmanischen Reiches zum Völkermord von Armenien und spielte auch im Fall Ruanda eine Rolle. Natürlich verhielt es sich beim Holocaust genauso. Deutschland hatte nach dem Ersten Weltkrieg enorme Gebietsverluste zu beklagen und die radikale Rechte Deutschlands empfand den Friedensvertrag von Versailles als Demütigung. Dies waren Umstände, die nicht in Vergessenheit geraten sind und dadurch das Fundament für ein besonders gefährliches Verlangen nach Vergeltung legten und schlussendlich zur furchtbarsten Verwirklichung des ausschließenden Nationalismus und Rassismus führten, die wir in der Neuzeit erleben mussten.

Folglich liegen die historischen Bedingungen für derartige Verbrechen zu einem im Gefühl der Bedrohung einer Nation. Zum anderen muss die Nation in jüngster Vergangenheit einen Verlust erlitten haben, oder zumindest etwas als Verlust empfunden haben. Drittens muss sich innerhalb des Staatsgebietes der Nation – dabei kann es sich ebenso um erobertes Gebiet handeln, wie im Falle des Dritten Reiches und Osteuropa – eine Minderheit befinden, die als Vertreter der externen Bedrohung empfunden wird. Sollten all diese Bedingungen gegeben sein, kann es unter den falschen Umständen zu solch einem Verbrechen kommen. Und das scheint mir eines der Hauptprobleme des Nationalismus zu sein. Denn es kann passieren, egal wie gut der Anfang gemeint war.

 

Interview: Jonathan Egid

Übersetzung: Franziska Mohr

 

Dr. Edward Kanterian
University of Kent